Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
Werk wiederum desselben Meisters anzuführen, Richard Strauß 
in seiner Tondichtung „Ein Heldenleben“ neben allen rhyth— 
mischen Neuerungen doch auch die klare und streng übersicht— 
liche Rhythmik der Alten angewandt, um gewissen Empfindungen 
namentlich des Heroischen und Großgearteten einen Ausdruck 
zu schaffen, der dem modernen Ohr unmittelbar eingeht. — 
Faßt man die neuen Erscheinungen in Harmonik, Rhythmik 
und Stimmführung zusammen, so darf man wohl sagen: sie 
bilden ein Ganzes und geben der in ihnen lebenden und 
atmenden Musik einen bestimmten neuen Charakter. Und so 
ist denn auch ihre Wirkung auf das Seelenleben der Zeit wie 
auf die Entwicklung der Musik klar und einheitlich gewesen. 
Zunächst besteht kein Zweifel darüber, daß das Ohr und 
die übrigen Aufnahmestellen des modernen Menschen für musi— 
kalische Eindrücke ungleich empfindlicher geworden sind. Man 
hat es gelernt, Schallwellen bewußt aufzunehmen und als schön 
zu empfinden, die bis dahin in musikalischer Kombination über— 
haupt nicht leicht zusammentrafen oder aber weder harmonisch noch 
rhythmisch als schön empfunden, ja überhaupt nicht (wenn dies 
— ——— 
Und diese Erweiterung des ästhetischen Empfindungsvermögens 
ist vornehmlich nach der Richtung hin eingetreten, daß eine bisher 
unbekannte Feinheit der Nüancierung erreicht ward, die es nun 
gestattete, auch bis dahin unerhörte, noch in der Tiefe der 
Seele schlummernde, noch nie ins musikalische Bewußtsein ge— 
hobene Feinheiten der Empfindung durch Töne auszudrücken. 
Gewiß waren das Errungenschaften, die, wie alle psychischen 
Fortschritte, zunächst nur in kleinen, geistig und künstlerisch 
führenden Kreisen auftraten: hier ward in ewiger Wechsel—⸗ 
wirkung des schöpferischen Zeugens und Empfangens, der immer 
stärker differenzierten Empfindung und des technischen Versuches 
das Neue geschaffen — freilich im Sinne eines gesetzmäßigen 
Fortschreitens innerhalb der Entwicklungsbahn, die dem ge— 
schichtlichen Verlauf menschlicher Gesellschaften durch das Wesen 
der menschlichen Seele vorgezeichnet ist. Aber, wie Kant ge— 
meint hat, die Musik ist eine aufdringliche Kunst. Und sie ist die
	        
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