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Tonkunst.
Werk wiederum desselben Meisters anzuführen, Richard Strauß
in seiner Tondichtung „Ein Heldenleben“ neben allen rhyth—
mischen Neuerungen doch auch die klare und streng übersicht—
liche Rhythmik der Alten angewandt, um gewissen Empfindungen
namentlich des Heroischen und Großgearteten einen Ausdruck
zu schaffen, der dem modernen Ohr unmittelbar eingeht. —
Faßt man die neuen Erscheinungen in Harmonik, Rhythmik
und Stimmführung zusammen, so darf man wohl sagen: sie
bilden ein Ganzes und geben der in ihnen lebenden und
atmenden Musik einen bestimmten neuen Charakter. Und so
ist denn auch ihre Wirkung auf das Seelenleben der Zeit wie
auf die Entwicklung der Musik klar und einheitlich gewesen.
Zunächst besteht kein Zweifel darüber, daß das Ohr und
die übrigen Aufnahmestellen des modernen Menschen für musi—
kalische Eindrücke ungleich empfindlicher geworden sind. Man
hat es gelernt, Schallwellen bewußt aufzunehmen und als schön
zu empfinden, die bis dahin in musikalischer Kombination über—
haupt nicht leicht zusammentrafen oder aber weder harmonisch noch
rhythmisch als schön empfunden, ja überhaupt nicht (wenn dies
— ———
Und diese Erweiterung des ästhetischen Empfindungsvermögens
ist vornehmlich nach der Richtung hin eingetreten, daß eine bisher
unbekannte Feinheit der Nüancierung erreicht ward, die es nun
gestattete, auch bis dahin unerhörte, noch in der Tiefe der
Seele schlummernde, noch nie ins musikalische Bewußtsein ge—
hobene Feinheiten der Empfindung durch Töne auszudrücken.
Gewiß waren das Errungenschaften, die, wie alle psychischen
Fortschritte, zunächst nur in kleinen, geistig und künstlerisch
führenden Kreisen auftraten: hier ward in ewiger Wechsel—⸗
wirkung des schöpferischen Zeugens und Empfangens, der immer
stärker differenzierten Empfindung und des technischen Versuches
das Neue geschaffen — freilich im Sinne eines gesetzmäßigen
Fortschreitens innerhalb der Entwicklungsbahn, die dem ge—
schichtlichen Verlauf menschlicher Gesellschaften durch das Wesen
der menschlichen Seele vorgezeichnet ist. Aber, wie Kant ge—
meint hat, die Musik ist eine aufdringliche Kunst. Und sie ist die