Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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bevorzugte Kunst der demokratischen Zeit, die sich seit Mitte des 
18. Jahrhunderts vorbereitete. So drangen denn die Neuerungen 
rasch ins „Volk“ und trafen dort auf nicht völlig vorbereitete 
Ohren. War das nun der Grund, warum die neue Kunst, wie man 
in der Umgangssprache zu sagen pflegt, „auf die Nerven fiel“? 
Alle Kunst will fesseln und erregt darum Spannungs— 
gefühle. Aber fallen Spannungsgefühle immer alsbald in 
gleichsam voller Nacktheit „auf die Nerven“? Die ältere Kunst 
richtete sich mit ihren Spannungsgefühlen im allgemeinen an 
die oberen Empfindungen, an das Gemüt, an die Gefühle, an 
die seelischen Gesamthaltungen, die auf Grund zahlreicher Einzel— 
affektionen der Nerven durch gedächtnismäßige Zusammenfassung 
und Umgestaltung dieser Affektionen gebildet werden. Sie 
grub also in der Seele bloß bis ins Stockwerk der Gefühle 
herunter; die darunter liegende mehr primäre, nervöse Schicht 
erreichte sie nicht oder doch nicht unmittelbar. 
War das nun die Art auch der neuen Musik? Die Musik 
wirkt erfahrungsmäßig mehr als irgend eine andere Kunst auf 
die Nerven; sie geht gleichsam sinnlich in die Nervenbahnen ein. 
Warum das so ist, ist hier nicht zu untersuchen; die Thatsache 
besteht. Und sie steht fest auch schon unter normalen Verhält— 
nissen, d. h. dann, wenn das Tonempfinden bei schaffendem 
und genießendem Teil im allgemeinen das gleiche ist. In 
unserem Falle aber galt das gerade Gegenteil. Nicht bloß 
durch gelegentliche unerwartete musikalische Wendungen, nein, 
ganz ausgesprochen systematifch, in jedem Moment der gerade 
ihr eigenen Harmonisierung, Stimmführung, Rhythmik wollte 
die neue Musik auf die Nerven wirken. Dissonanz und immer 
wieder Dissonanz, so klagte man. 
Nun haben verwandte Inkonvenienzen natürlich bei jedem 
Übergang von einer Periode zur anderen bestanden: die 
führenden Empfinder waren weiter, als die geführten, empfangen— 
den Hörer. Aber diesmal griff der Unterschied doch wohl be— 
sonders tief, wurde jedenfalls — was schließlich dasselbe 
ist — besonders scharf empfunden. Der Grund hierfür ist wohl 
darin zu suchen, daß, wie schon angedeutet, die Erregung von
	        
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