Tonkunst.
31
bevorzugte Kunst der demokratischen Zeit, die sich seit Mitte des
18. Jahrhunderts vorbereitete. So drangen denn die Neuerungen
rasch ins „Volk“ und trafen dort auf nicht völlig vorbereitete
Ohren. War das nun der Grund, warum die neue Kunst, wie man
in der Umgangssprache zu sagen pflegt, „auf die Nerven fiel“?
Alle Kunst will fesseln und erregt darum Spannungs—
gefühle. Aber fallen Spannungsgefühle immer alsbald in
gleichsam voller Nacktheit „auf die Nerven“? Die ältere Kunst
richtete sich mit ihren Spannungsgefühlen im allgemeinen an
die oberen Empfindungen, an das Gemüt, an die Gefühle, an
die seelischen Gesamthaltungen, die auf Grund zahlreicher Einzel—
affektionen der Nerven durch gedächtnismäßige Zusammenfassung
und Umgestaltung dieser Affektionen gebildet werden. Sie
grub also in der Seele bloß bis ins Stockwerk der Gefühle
herunter; die darunter liegende mehr primäre, nervöse Schicht
erreichte sie nicht oder doch nicht unmittelbar.
War das nun die Art auch der neuen Musik? Die Musik
wirkt erfahrungsmäßig mehr als irgend eine andere Kunst auf
die Nerven; sie geht gleichsam sinnlich in die Nervenbahnen ein.
Warum das so ist, ist hier nicht zu untersuchen; die Thatsache
besteht. Und sie steht fest auch schon unter normalen Verhält—
nissen, d. h. dann, wenn das Tonempfinden bei schaffendem
und genießendem Teil im allgemeinen das gleiche ist. In
unserem Falle aber galt das gerade Gegenteil. Nicht bloß
durch gelegentliche unerwartete musikalische Wendungen, nein,
ganz ausgesprochen systematifch, in jedem Moment der gerade
ihr eigenen Harmonisierung, Stimmführung, Rhythmik wollte
die neue Musik auf die Nerven wirken. Dissonanz und immer
wieder Dissonanz, so klagte man.
Nun haben verwandte Inkonvenienzen natürlich bei jedem
Übergang von einer Periode zur anderen bestanden: die
führenden Empfinder waren weiter, als die geführten, empfangen—
den Hörer. Aber diesmal griff der Unterschied doch wohl be—
sonders tief, wurde jedenfalls — was schließlich dasselbe
ist — besonders scharf empfunden. Der Grund hierfür ist wohl
darin zu suchen, daß, wie schon angedeutet, die Erregung von