Tonkunst.
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daß Wagner nur eine persönliche Stellung innerhalb dieser
generell neuen Kunst hat, an deren Durchbildung auch andere
außer ihm den regsten Anteil genommen haben und nehmen:
eine persönliche Stellung freilich, die infolge ganz besonderer
Umstände kulturgeschichtlich als überlegen erscheinen muß.
Der unmittelbarste Ausgangspunkt für die neue Musik ist
in den späteren Werken Beethovens gegeben. Hier hat Liszt
am meisten innerlich angeknüpft; hier vor allem begeisterte sich
der Herold der neuen Musik vor dem großen Publikum, Hans
von Bülow; und was Wagner betrifft, so hat er die neunte Sym⸗
phonie schon mit zwanzig Jahren auswendig gewußt, und man
kennt seine niemals verleugnete überschwängliche Verehrung für
sie und ihren Schöpfer.
Der erste Begründer und der Hauptkämpfer zugleich der
neuen Kunst aber war Liszt (1811 -1886). Was tiefste Schöpfer⸗
kraft angeht, hat man ihn zu Wagner wohl gar in das Ver—
hältnis gestellt, in dem man Goethe zu Schiller zu sehen pflegt.
Sicher ist, daß er außer der Anknüpfung an Beethoven und an
gewisse mehr äußerliche Reformen von Berlioz (Programmmusik
m Sinne eines einheitlichen Kunstwerkes, bestimmte orchestrale
Anderungen) eigentlich keinen Vorgänger hatte, als er, zum Teil
lange vor Wagner, in seiner Klaviermusik die unbekannten
Pfade der neuen Musik betrat und in den frühesten seiner
symphonischen Dichtungen ihre erste große instrumentale Form
noch vor der Mitte des Jahrhunderts zu offenbaren begann:
„Tasso“ ist 1849 in Weimar zur Jahrhundertfeier der Geburt
Goethes aufgeführt worden. Und was ist Liszt Wagner als Freund,
Berater, unermüdlicher Helfer und Prediger seiner Kunst gewesen!
Wird trotzdem die Bedeutung Liszts erst in neuerer Zeit mehr
gewürdigt, so hängt das mit dem besonderen Charakter seiner
Werke zusammen. In Betracht könnten da an erster Stelle
jeine Lieder kommen. In ihnen ist der neue Stil bereits völlig
ausgeprägt: der reine Fluß der Melodie ist aufgehoben; zu
Gunsten einer größeren subjektiven Ausdrucksfähigkeit ist das
melodische Gefüge gelockert; durch ganz kurze, einen oder wenige
Takte umfassende Tonglieder ist eine Anpassung an die feinsten