Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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daß Wagner nur eine persönliche Stellung innerhalb dieser 
generell neuen Kunst hat, an deren Durchbildung auch andere 
außer ihm den regsten Anteil genommen haben und nehmen: 
eine persönliche Stellung freilich, die infolge ganz besonderer 
Umstände kulturgeschichtlich als überlegen erscheinen muß. 
Der unmittelbarste Ausgangspunkt für die neue Musik ist 
in den späteren Werken Beethovens gegeben. Hier hat Liszt 
am meisten innerlich angeknüpft; hier vor allem begeisterte sich 
der Herold der neuen Musik vor dem großen Publikum, Hans 
von Bülow; und was Wagner betrifft, so hat er die neunte Sym⸗ 
phonie schon mit zwanzig Jahren auswendig gewußt, und man 
kennt seine niemals verleugnete überschwängliche Verehrung für 
sie und ihren Schöpfer. 
Der erste Begründer und der Hauptkämpfer zugleich der 
neuen Kunst aber war Liszt (1811 -1886). Was tiefste Schöpfer⸗ 
kraft angeht, hat man ihn zu Wagner wohl gar in das Ver— 
hältnis gestellt, in dem man Goethe zu Schiller zu sehen pflegt. 
Sicher ist, daß er außer der Anknüpfung an Beethoven und an 
gewisse mehr äußerliche Reformen von Berlioz (Programmmusik 
m Sinne eines einheitlichen Kunstwerkes, bestimmte orchestrale 
Anderungen) eigentlich keinen Vorgänger hatte, als er, zum Teil 
lange vor Wagner, in seiner Klaviermusik die unbekannten 
Pfade der neuen Musik betrat und in den frühesten seiner 
symphonischen Dichtungen ihre erste große instrumentale Form 
noch vor der Mitte des Jahrhunderts zu offenbaren begann: 
„Tasso“ ist 1849 in Weimar zur Jahrhundertfeier der Geburt 
Goethes aufgeführt worden. Und was ist Liszt Wagner als Freund, 
Berater, unermüdlicher Helfer und Prediger seiner Kunst gewesen! 
Wird trotzdem die Bedeutung Liszts erst in neuerer Zeit mehr 
gewürdigt, so hängt das mit dem besonderen Charakter seiner 
Werke zusammen. In Betracht könnten da an erster Stelle 
jeine Lieder kommen. In ihnen ist der neue Stil bereits völlig 
ausgeprägt: der reine Fluß der Melodie ist aufgehoben; zu 
Gunsten einer größeren subjektiven Ausdrucksfähigkeit ist das 
melodische Gefüge gelockert; durch ganz kurze, einen oder wenige 
Takte umfassende Tonglieder ist eine Anpassung an die feinsten
	        
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