Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
24 
lauf der neuen Musik, sowie ihre jüngste Umgestaltung in eine 
sogenannte musikalische „Moderne“; wir könnten da ebensogut 
Betrachtungen über die musikalische Zukunft anstellen: inwieweit 
etwa noch das Oratorium umzuschaffen sei und dann die großen 
Orchesterwerke befruchten könne, — ob sich die Kammermusik, eine 
Musikform in der Weise der Malerei Meissoniers, von großer Fein— 
—D 
auch eine Belebung durch Umbildung ihrer Formen erfahren 
werde u. s. w. Dergleichen Fragen könnte man aufwerfen; und 
wie man sie auch beantworten möchte, man würde aus ihrer Be— 
handlung immerhin wertvolle Anregungen auch für die Kenntnis 
der Vergangenheit gewinnen. Wir indes ziehen den direkten Weg 
historischer Behandlung weiter, und da fesselt uns entwicklungs— 
geschichtlich nur die „Urzeit“ der neuen Musik, die neue Musik 
als erste große künstlerische Erscheinungsform eines neuen 
Seelenlebens, des Seelenlebens der Gegenwart, der Periode 
der Reizsamkeit. Auf diesem Gebiete aber ist nur noch eine, 
freilich wichtige Frage zu behandeln: die nach der Stellung 
Wagners in dem allgemeinen soeben geschilderten Entwicklungs 
gang. Denn was man auch sagen möge: Wagner ist die 
repräsentative Persönlichkeit dieser Bewegung und, wie wir 
hald sehen werden, er ist noch mehr: er ist die repräsentative 
Persönlichkeit der Anfänge der reizsamen Periode überhaupt. 
Da versteht es sich nun zunächst von selbst, daß jene früh von 
ihm geübte dichterische Art der Behandlung der dramatischen 
Probleme, die von vornherein — und zwar nicht zum geringsten 
von musikalischen Anregungen aus — auf innerstes Erfassen der 
seelischen Vorgänge hinwies, den Meister ohne weiteres der 
neuen Kunst zuführen mußte. Wenn Wagner aus dem tiefsten 
Drange seiner Phantasie Texte schuf ohne novellenhafte Elemente, 
ohne Intriguen, ohne anekdotische Beigaben; wenn er die Be— 
gebenheiten unmittelbar dem Born des menschlichen Herzens 
entströmen ließ; wenn er große Charaktere immer mehr von 
einfachsten Voraussetzungen aus zur Handlung brachte und zur 
Schuld: wie mußte er da schöpferischen Anteil nehmen an einer 
Musik, deren erstrebles Ideal Großzügigkeit, einfaches Wesen,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.