Tonkunst.
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lauf der neuen Musik, sowie ihre jüngste Umgestaltung in eine
sogenannte musikalische „Moderne“; wir könnten da ebensogut
Betrachtungen über die musikalische Zukunft anstellen: inwieweit
etwa noch das Oratorium umzuschaffen sei und dann die großen
Orchesterwerke befruchten könne, — ob sich die Kammermusik, eine
Musikform in der Weise der Malerei Meissoniers, von großer Fein—
—D
auch eine Belebung durch Umbildung ihrer Formen erfahren
werde u. s. w. Dergleichen Fragen könnte man aufwerfen; und
wie man sie auch beantworten möchte, man würde aus ihrer Be—
handlung immerhin wertvolle Anregungen auch für die Kenntnis
der Vergangenheit gewinnen. Wir indes ziehen den direkten Weg
historischer Behandlung weiter, und da fesselt uns entwicklungs—
geschichtlich nur die „Urzeit“ der neuen Musik, die neue Musik
als erste große künstlerische Erscheinungsform eines neuen
Seelenlebens, des Seelenlebens der Gegenwart, der Periode
der Reizsamkeit. Auf diesem Gebiete aber ist nur noch eine,
freilich wichtige Frage zu behandeln: die nach der Stellung
Wagners in dem allgemeinen soeben geschilderten Entwicklungs
gang. Denn was man auch sagen möge: Wagner ist die
repräsentative Persönlichkeit dieser Bewegung und, wie wir
hald sehen werden, er ist noch mehr: er ist die repräsentative
Persönlichkeit der Anfänge der reizsamen Periode überhaupt.
Da versteht es sich nun zunächst von selbst, daß jene früh von
ihm geübte dichterische Art der Behandlung der dramatischen
Probleme, die von vornherein — und zwar nicht zum geringsten
von musikalischen Anregungen aus — auf innerstes Erfassen der
seelischen Vorgänge hinwies, den Meister ohne weiteres der
neuen Kunst zuführen mußte. Wenn Wagner aus dem tiefsten
Drange seiner Phantasie Texte schuf ohne novellenhafte Elemente,
ohne Intriguen, ohne anekdotische Beigaben; wenn er die Be—
gebenheiten unmittelbar dem Born des menschlichen Herzens
entströmen ließ; wenn er große Charaktere immer mehr von
einfachsten Voraussetzungen aus zur Handlung brachte und zur
Schuld: wie mußte er da schöpferischen Anteil nehmen an einer
Musik, deren erstrebles Ideal Großzügigkeit, einfaches Wesen,