Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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Gehalt der emporquellenden Gefühle bezeichnet und mit deren 
Wandel in linden und schroffen Wirkungen wechselt, — so 
schmiegt sich im Aufgehen in die Gefühle das musikalische Ge— 
webe des Orchesters und der Singstimmen doch auch dem 
dichterisch erforderten dramatischen Ausdruck an als ein Ganzes 
mit der Sprache und erhält dadurch — genau wie die Sprache 
als Unterlage nur der Dichtung angesehen gelegentlich un— 
gleichmäßig, ja zerhackt erscheint — etwas für sich betrachtet 
Springendes, Nervöses, Abbrechendes im Vergleich mit der 
rein symphonischen Schöpfung. Aber gerade in diesen Mängeln 
der Sprache und der Musik, wenn man jede für sich nimmt, zeigt 
sich die Einheit des ganzen Kunstwerks und seiner Empfängnis. 
Auf dem Gebiete der Musik allein aber war die Wirkung 
des Gesamtkunstwerks doch groß genug, um Wagner ahnungs— 
voll schon in seiner ersten, klar und deutlich in seiner zweiten 
Periode der Entwicklung der neuen Kunst zuzudrängen. Wie 
stark dabei Einfluß und direktes Einwirken Liszts war, — wer 
will es heuteschon ganz ermessen? Sicher ist, daß Wagner die neue 
Technik in vieler Hinsicht doch auch selbständig und auf Grund 
eigenster Funde geübt hat: er hat, ein Zeichen des wahren Er— 
finders, persönlichen Stil und unverkennbare Eigenart. So hat 
Mayrberger darauf hingewiesen, daß Wagner, um bei langen 
Sätzen oder Motiven dem Hörer das Bewußtsein der Tonalität 
zu erhalten, ein für ihn besonders charakteristisches Mittel an— 
wendet, das etwa der rhetorischen Ellipse entspricht. Wie es 
nämlich in der Rede möglich ist, in bewegtem Gefühl oder in 
aufgeregter Leidenschaft, zuweilen auch der Kürze und Zierlichkeit 
halber, ein Wort oder mehrere Wörter auszulassen, um durch 
deren dem Hörer zugemutete selbstthätige Ergänzung die 
Wirkung zu erhöhen, so löst Wagner häufig die Dissonanzen 
der Chromatik nicht stufenweise in eine Konsonanz auf, sondern 
verschweigt die Auflösung und hält eben dadurch, daß er sie 
dem Hörer zuweist, die diatonische Grundlage aufrecht. Es ist 
eins unter vielen Mitteln Wagners, der neuen Musik gerade 
den Charakter zu geben, dessen er für sein Drama bedurfte: 
wird die Forschung einmal alle diese Mittel systematisch ans
	        
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