Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
Licht gezogen haben, so werden wir imstande sein, ein gutes 
Teil des Wagner persönlich eignenden Stils zu überblicken. 
Daß im übrigen der Meister alle Künste der neuen Technik 
und namentlich der Chromatik virtuos handhabte, ist bekannt 
genug; auch der Aufnahme alter musikalischer Technik zur Ver— 
stärkung des Gegensatzes war er hold; man braucht da noch 
gar nicht an die „Meistersinger“ oder die zahlreichen Monodien 
seiner Dramen im Sinne des späteren Mittelalters zu denken: 
im „Parsifal“ wird das ganze Gralsmotiv und das Glaubens— 
thema im Sinne der älteren Kunst diatonisch gehalten, um hier 
überirdische Segenskraft, dort Festigkeit und Unerschütterlichkeit 
des Glaubens zu versinnbildlichen; Kundrys unstete Seele da— 
gegen, Herzeleidens mütterliche Angst und Amfortas' Qual 
werden in wesentlich chromatischen Motiven verkörpert. 
Will man heute, wo kaum schon die Anfänge einer tieferen 
Durchforschung der neuen Musik vorhanden sind, sich, freilich 
ein wenig grob, vergegenwärtigen, inwieweit Wagner Meister 
und Mitbegründer der neuen Musik genannt werden kann, so 
gedenkt man wohl am besten seines außerordentlichen Einflusses 
auf die musikalische Durchbildung und Verstärkung des Orchesters 
und auf die Begründung einer neuen Weise zu singen. In 
beiden Hinsichten sind die Anderungen bekannt, die er mit nie 
rastender Energie durchsetzte. Schon gelegentlich seines langen 
ersten Pariser Aufenthalts hatte er jene Genauigkeit und Fein— 
heit der Franzosen in der Aufführung von Werken der redenden 
und der musischen Künste bewundern gelernt, die noch heute 
die deutsche bei weitem übertrifft. Nach Deutschland zurück— 
gekehrt, hatte er dann an die deutschen Orchester französische An— 
forderungen gestellt: Unerbittlichkeit in dieser Hinsicht war eine 
der Ursachen seines Dresdner Unglücks. Und als er dann an 
die Aufführung seiner eigenen Werke der zweiten Periode heran— 
ging, verschärfte er diese Sorgfalt noch und erzog so jene 
Orchester und erzielte jene Darbietungen, die jeder Dynamik 
und Zeitschwankung gerecht wurden. Und wie war inzwischen 
von ihm auch das Orchester selbst in seiner Zusammensetzung 
herändert worden! Aufgaben einer neuen Dynamik und Er—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.