Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

VI. 
Der Historiker wird dem Dichter gern folgen, wenn er 
ihm entzückende Fernsichten aufthut. Aber er wird sich, viel— 
leicht nach einem gewissen Rausche, doch immer vorbehalten, die 
Dinge auch von seinem Standpunkte aus zu betrachten. Und 
da wird denn an die Stelle des verengten Horizonts künst— 
lerischer Verzückung der weite Sehkreis geschichtlicher Erfahrung 
treten müssen, sollen die Dinge nicht subjektid — und wo— 
möglich in dem höchsten Grade der Subjektivität, der Ekstase —, 
sondern vielmehr objektiv, in ihrem gehörigen Verhältnis 
zu allem anderen erscheinen. Die Aussicht braucht deshalb 
nicht weniger fesselnd zu sein; und im engeren Sinne lehr⸗ 
reicher als das schimmernde Ideal des Künstlers ist sie gewiß. 
Hier bietet nun das Gesamtkunstwerk Richard Wagners, 
vom geschichtlichen Standpunkte aus ins Auge gefaßt, Anlaß 
zu Betrachtungen, die wesentlich zu sein scheinen zum 
Verständnis der modernen Kunst und des modernen Seelenlebens 
überhaupt. 
Ist die Idee des Gesamtkunstwerks an bestimmte Zeitalter 
der Entwicklung einer menschlichen Gesellschaft, insbesondere 
eines Volkes, gebunden? — Das ist, etwas äußerlich gefaßt. 
die wichtigste Frage, die hier auftaucht. 
Man muß da zwischen zwei Arten von Gesamtkunstwerken 
unterscheiden: dem Kunstwerk der schwesterlich näherstehenden 
Künste, z. B. aller bildenden oder aller darstellenden Künste, 
und dem Kunstwerk aller Künste schlechthin. 
Da kann nun das Gesamtkunstwerk schwesterlich verwandter
	        
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