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Tonkunst.
unseres Zeitalters, die den Charakter des Gesamtkunstwerks
tragen oder ihm zuneigen, ihrem Gehalte nach einer sagengläubigen
oder mythologischen Urzeit angehören: Faust II. Teil, die
Werke Wagners, Hebbels nicht zu Ende geführter „Moloch“,
Ludwigs beabsichtigte Oper „Blaubart“? Doch nicht Ähnlich—
keiten aufzusuchen, Unterschiede vielmehr aufzudecken, ist in
diesem Falle die erste Aufgabe der Forschung. Und da ergiebt
sich ein überaus wichtiger Unterschied, in dem alle anderen
gipfeln: die psychische Grundlage ist nahe verwandt, aber von
ihr aus wird in der Urzeit instinktiv, triebmäßig, in der
Gegenwart bewußt, wenn nicht gar raffiniert geschaffen.
Die Sache würde der Erwägung wenigstens an dieser Stelle
nicht weiter wert sein, — wenn sich nicht herausstellte, daß
eine große Anzahl moderner Entwicklungserscheinungen zu den
entsprechenden Erscheinungen der Urzeit in demselben Ver—
hältnis stehen, ja daß ... Doch wir wollen sehen.
In der Malerei erschöpfte sich die Kunst der Urzeit im
Ornament. Vergleichen wir nun die Ornamentik dieser Zeit
mit der der Gegenwart, so sind die äußeren Ahnlichkeiten er—
staunlich. Hier wie dort nur Andeutungen der allgemeinsten
Form des Gegenstandes — man denke an unsere Plakatkunst,
unsere Tapeten, unsere Stoffmuster —, hier wie dort die Farbe
im allgemeinen nur dekorativ gemeint, zur bloßen Flächen⸗—
füllung bestimmt und darum unplastisch, ohne Andeutung des
Reliefs aufgetragen. Freilich: in der Urzeit das alles naiv,
aus dem niederen Können und dem unausgebildeten Formen—
gedächtnis einer werdenden Kunst heraus, in der Gegenwart
dagegen das alles bewußtes „Raffinement“, der Umriß absicht—
lich vereinfacht, und die Farbenbehandlung das Ergebnis einer
Freiluftmalerei, die über eine Periode mehr plastischer Behand⸗
lung hinaus nicht mehr plastisch, sondern nur noch in Farben⸗
eindrücken, zweidimensional gleichsam, zu sehen gewohnt ist.
In der Bildnerei, die in der Urzeit, soweit wir sehen,
fast ausschließlich Flachbildnerei, vornehmlich in Holz und Erz,
war, derselbe Fall: damals nur Formen ganz im Sinne der
soeben geschilderten Ornamentik, heutzutage, wenn ornamentale