Tonkunft.
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Formen gewählt werden, formell analoge Bildungen und diese
sogar auch — dies wohl zufällig — in einer Flachmanier,
die selbst bei Ausführung in Stein dem platten Holzornament
nachgebildet wird: und vor allem wieder der Unterschied zwischen
triebmäßigem und bewußtem Schaffen.
Übergehen wir die Baukunst, in deren Bereich die Urzeit
kein Vergleichsmaterial bietet — und doch waren die elenden
Hütten dieses Zeitalters nach Ausweis unserer Volksrechte Ge—
rüstbauten wie die heutigen Vorläufer eines künftigen Gerüst—
stils! —: wenden wir uns vielmehr der Dichtung zu. Da
steht denn die älteste Form des Volksliedes zum Vergleich mit
analogen Erzeugnissen der Gegenwart. Was ist da nun der
Unterschied zwischen folgenden Strophen:
Dort spielt ein Kind am Ufer,
Die Barke durchschneidet den See,
Es küßt die Rose der Thau,
Was lächelst du trübe und weh?
und:
und:
Drei Laub' auf einer Linden,
Die blühen also wohl;
Sie thät viel tausend Sprünge,
Ihr Herz war Freuden voll ..
Du brichst ein dürres Ästlein,
Das ist so knospenleer,
Und reichst mir deine Hände —
Wir sahen uns nimmermehr — —
Ist nicht in allen dreien das formal eigentlich Charak—
teristische die unvermittelte Nebeneinanderstellung von Bild und
Empfindung? — Aber die erste dieser Strophen ist von
Mackay, die zweite aus des „Knaben Wunderhorn“, die dritte
von Lilieneron; die mittlere citiert Scherer in seiner Litteratur⸗
geschichte als Musterbeispiel primitiven Volksliedes, die beiden
anderen gehören dem modernsten physiologischen Impressionis—
mus an! Und bei genauerem Zusehen liegen die Unterschiede
auch auf der Hand; die Bilder im ersten und letzten Gedicht