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Tonkunst.
sind raffiniert modern, — das Bild des mittleren ist typisch,
tausendmal gebraucht und instinktiv angewendet!.
So hätten wir die ganze ästhetische Seite des urzeitlichen
Seelenlebens mit der der Gegenwart verglichen: denn außer
dem Volkslied und dem Ornament in Malerei und Bildnerei
giebt es kein brauchbares Vergleichsgebiet. Und überall das
gleiche Ergebnis verwandter Formen, — nur dort triebmäßig,
hier bewußt erzeugt. Würden da andere Gebiete der Psyche
beider Zeitalter andere Ergebnisse liefern? Es scheint bei dem
engen Zusammenhang aller Äußerungen des seelischen Lebens
ein und derselben Zeit unmöglich, — so unmöglich, wie daß
ein Naturforscher bei einem Fische warmes Blut, bei einem
Vierfüßler den Knochen eines Vogels nachwiese.
Wir haben also sehr merkwürdige Übereinstimmungen
zwischen der Psyche urzeitlicher Kulturen und dem Seelenleben
der Gegenwart gefunden, — aber doch nur äußerliche Überein⸗
stimmungen, denen eine tiefe Antinomie zur Seite steht: das,
was aus früher Zeit als Ergebnis bloßer Triebe, instinktiven
Schaffens überliefert ist, tritt uns heute als aus der vollsten
Bewußtheit individuellen Erzeugens hervorgegangen entgegen.
Wie erklärt sich das? Dürfen wir den Lockungen einer
Vergleichung zwischen Gegenwart und Urzeit noch weiter, hinein
his ins hypothetisch Zusammenfassende, folgen?
Es wird den Vorgang der Kulturentwicklung, soweit er
rein geistiger Natur ist, wohl vollständig erklären, wenn man
behauptet, er bestehe darin, daß Erscheinungen, die sich in der
menschlichen Seele zunächst unbewußt abspielen, durch immer
intensivere seelische Arbeit langsam in den Bereich klarer Vorstel—
lungen gehoben werden: der Kulturprozeß ist im Grunde ein
Prozeß der Selbsterkenntnis. Daß dieser Prozeß nur durch
überaus verwickelte Vorgänge der sogenannten materiellen und
mMan ogl. zu dem oben Ausgeführten auch noch den Nachweis bei
Richard M. Meyer, Deutsche Litteratur des 19. Jahrhunderts S. 874 ff.,
daß sich der dichterische Impressionismus des Amerikaners Walt Whitman,
einer der ältesten, wenn nicht der älteste aller Impressionismen des 19. Jahr—
hunderts, an die Urpoesie des alten Testaments anschließt.