Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
sind raffiniert modern, — das Bild des mittleren ist typisch, 
tausendmal gebraucht und instinktiv angewendet!. 
So hätten wir die ganze ästhetische Seite des urzeitlichen 
Seelenlebens mit der der Gegenwart verglichen: denn außer 
dem Volkslied und dem Ornament in Malerei und Bildnerei 
giebt es kein brauchbares Vergleichsgebiet. Und überall das 
gleiche Ergebnis verwandter Formen, — nur dort triebmäßig, 
hier bewußt erzeugt. Würden da andere Gebiete der Psyche 
beider Zeitalter andere Ergebnisse liefern? Es scheint bei dem 
engen Zusammenhang aller Äußerungen des seelischen Lebens 
ein und derselben Zeit unmöglich, — so unmöglich, wie daß 
ein Naturforscher bei einem Fische warmes Blut, bei einem 
Vierfüßler den Knochen eines Vogels nachwiese. 
Wir haben also sehr merkwürdige Übereinstimmungen 
zwischen der Psyche urzeitlicher Kulturen und dem Seelenleben 
der Gegenwart gefunden, — aber doch nur äußerliche Überein⸗ 
stimmungen, denen eine tiefe Antinomie zur Seite steht: das, 
was aus früher Zeit als Ergebnis bloßer Triebe, instinktiven 
Schaffens überliefert ist, tritt uns heute als aus der vollsten 
Bewußtheit individuellen Erzeugens hervorgegangen entgegen. 
Wie erklärt sich das? Dürfen wir den Lockungen einer 
Vergleichung zwischen Gegenwart und Urzeit noch weiter, hinein 
his ins hypothetisch Zusammenfassende, folgen? 
Es wird den Vorgang der Kulturentwicklung, soweit er 
rein geistiger Natur ist, wohl vollständig erklären, wenn man 
behauptet, er bestehe darin, daß Erscheinungen, die sich in der 
menschlichen Seele zunächst unbewußt abspielen, durch immer 
intensivere seelische Arbeit langsam in den Bereich klarer Vorstel— 
lungen gehoben werden: der Kulturprozeß ist im Grunde ein 
Prozeß der Selbsterkenntnis. Daß dieser Prozeß nur durch 
überaus verwickelte Vorgänge der sogenannten materiellen und 
mMan ogl. zu dem oben Ausgeführten auch noch den Nachweis bei 
Richard M. Meyer, Deutsche Litteratur des 19. Jahrhunderts S. 874 ff., 
daß sich der dichterische Impressionismus des Amerikaners Walt Whitman, 
einer der ältesten, wenn nicht der älteste aller Impressionismen des 19. Jahr— 
hunderts, an die Urpoesie des alten Testaments anschließt.
	        
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