Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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äußeren Kultur, u. a. durch stärkste Fortschritte menschlicher 
Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung, hervorgerufen und ge— 
fördert werden kann, ist selbstverständlich. 
Im Verlaufe dieser Aufdeckung gleichsam der menschlichen 
Seele gelangt nun jede Kultur in Phasen, in denen sie, was 
sie bei günstiger Überlieferung in geschichtlicher Forschung als 
einstens instinktiv empfunden und gethan erkennt, in der Praxis 
der Gegenwart und des Lebens gleichsam bewußt noch einmal 
entdeckt und ausführt, indem sie den allgemeinen psychischen Zu— 
stand, aus dem in der früheren Zeit triebmäßig gehandelt 
worden ist, nun in das Licht völlig klarer Vorstellungen hebt 
und aus dieser lichtvollen Kenntnis her bewußt handelt. 
Sind diese Beobachtungen richtig, so würde es sich nur 
darum handeln, festzustellen, welcher Art denn gerade der 
psychische Zustand ist, von dem aus in der Urzeit wie heute 
die Handlungen erfließen. Es ist eine Frage, auf die die Urzeit 
keine Antwort geben kann, da ihr der eigene Zustand ja eben 
unbewußt war; wir werden das Problem also aus Beobach— 
tungen der Gegenwart lösen müssen. Und da lautet denn die 
Fragestellung: welches sind die psychischen Erscheinungen, die 
gerade das heutige Zeitalter von früheren Zeitaltern trennen, 
mithin für die Gegenwart charakteristisch sind? 
Das jüngste große Zeitalter deutschen Seelenlebens setzt 
ein mit der Empfindsamkeit und geht durch die Jahrzehnte 
der Romantik hindurch zu den modernen Zuständen über, die 
psychisch längst als die der Nervosität erkannt sind. Man darf 
dabei mit dem Worte „Nervosität“ nicht ohne weiteres den Be— 
griff des Krankhaften verbinden: es handelt sich nur um ein 
uns in verstärkter Weise bewußt gewordenes Leben der Nerven, 
das man deshalb vielleicht besser, da einmal das Wort „Ner— 
oosität“ bestimmte Nebenvorstellungen erweckt, für den hier ge⸗ 
meinten Sinn mit dem Worte „Reizsamkeit“ vertauschen wird 
Daß dann freilich auch in dieser, Reizsamkeit“ leicht etwas Krank⸗ 
haftes steckt, in dem Sinne, in dem der Arzt von Entwicklungs⸗ 
krankheiten spricht, — wer wollte es leugnen? Krankhaft in 
diesem Sinne sind aber alle jeweils neuen seelischen Erscheinungen
	        
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