Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

—V 
Tonkunst. 
gewesen. Was indes Empfindsamkeit, Romantik und Reiz⸗ 
samkeit gegenüber der seelischen Eigenart früherer Zeitalter als 
gemeinsames Kennzeichen aufweisen, das ist ein immer stärker 
in den Vorstellungsbereich gehobenes Nervenleben — von dem 
bis zu Weinkrämpfen gesteigerten Freundschaftsdienst der fünf—⸗ 
ziger und sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts an bis zu den 
piel feineren, in der Seele gleichsam noch tiefer abgegrabenen, 
noch bewußter hervorgerufenen „Sensationen“ der Nervenkünstler 
der Gegenwart. 
Von dieser Charakteristik des letzten, noch andauernden 
psychischen Zeitalters her scheinen sich nun mit einem Schlage alle 
Verwandtschaften der Gegenwart mit der Urzeit zu erklären, — 
und wir werden deren später noch weit mehr finden, als die des 
vorläufig allein berührten ästhetischen Gebietes. Die Urzeit 
lebte, wie die Psychologie jedes der sogenannten Naturvölker 
zeigt, vornehmlich mit den Nerven; aber sie lebte darin in— 
stinktiv: hatte die oberen Schichten gleichsam des Seelenlebens, 
die Gebiete der Gefühls- und Verstandesthätigkeit noch nicht 
entfernt in der Intensität, die wir kennen, entdeckt. Wie hätten 
da die unteren feinsten Regungen der Nervenbahnen schon ins 
Bewußtsein gehoben sein sollen? Indem aber die Welt der 
gefühls- und der verstandesmäßigen Thätigkeit im Laufe zahl— 
reicher Generationen immer mehr vorstellungsmäßig bewältigt 
und damit zugleich unendlich bereichert und nüanciert wurde, 
drang das letzte Zeitalter allmählich, gleichsam von oben herab, 
hindurch durch die Gefühlswelt, vorstellungsmäßig zu den, 
sagen wir einstweilen einmal Nerven vor und begann auch 
deren Welt nunmehr in eifrigen Entdeckungsfahrten bewußt zu 
erobern. Es geschah in Erscheinungen, die — wie man jetzt sieht, 
sehr natürlicher, ja notwendigerweise — an das äußere Gewand 
der geistigen Zustände der Urzeit erinnern mußten, ohne ihm doch 
innerlich auch nur im geringsten zu gleichen: das, was sie von 
ihm trennt, ist die in den wandelbarsten und mannigfachsten Er— 
scheinungsweisen zu Tage tretende Bewußtheit des Schaffens. 
Diese Erklärung ist zunächst nur, was eine noch nicht all— 
seitig durch Thatsachen gestützte Darlegung ist: eine Vermutung.
	        
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