Tonkunst.
61
Allein wenn diese Vermutung nun durch eine Fülle später noch
anzuführender klarer und anschaulicher Thatsachen überaus wahr—
scheinlich gemacht werden würde, so wahrscheinlich, wie nur
immer historische Ereignisse angesehen werden können, für die
man einen Beweis erbracht hat? — Wie auch diese Frage später
zu beantworten und zu behandeln sein mag: schon jetzt wird
es möglich sein, in ihrem Bereiche noch einen, freilich sehr
subjektiven Beweis, den Beweis ad hominem zu führen.
Wenn die Gegenwart und die Urzeit vornehmlich als Perioden
eines dort triebmäßigen, hien vorstellungsmäßigen Nervenlebens
bezeichnet werden, — wäre es dann wohl möglich, jenseit ihrer
Grenzen weitere Perioden zweifellos vollsaftiger Entwicklung
zu denken? Die Frage fällt mit der anderen zusammen, ob
es wohl innerhalb der menschlichen Seele noch elementarere
Vorgänge, als die des bloßen Nervenlebens gebe? Wir werden
sie verneinen müssen. Dann aber wäre dem Zeitalter der Ur—
zeit als einer ersten menschlichen Anfangszeit (wenn auch viel—
leicht von sehr vielen Einzelperioden von der Dauer vieler
Jahrtausende) die Gegenwart als ein Zeitalter, wenn nicht des
Schlusses, so doch des Verfalles entgegengesetzt? Und, um
eine vielfach mißbrauchte Analogie mit aller Vorsicht anzu—
wenden, wir ständen in einem Greisenalter der Entwicklung,
das eben deshalb auch scheinbar kindliche Züge aufwiese?
Man weiß, wie groß die Zahl derer ist, die diese Frage
heute bejahen. Der Historiker wird für diese Verzweifelnden
oder Resignierten den Beweis ad hominem gelten lassen, ohne
sich etwa deshalb auf ihre Seite zu stellen. Denn was heißt
Verfall? Und wie lange kann Verfall sich erstrecken, — welche
Unsumme von Entwicklungsmomenten kann er umfassen? Und
bedeutet Einsicht der Lage nicht auch Möglichkeit der Abhilfe?
Ja, — hier stehen wir vor der großen Frage des zwan—
zigsten Jahrhunderts, — und nicht bloß wir, alle Völker über—
haupt des abendländischen Kulturkreises einschließlich der ab—
geleiteten Amerikaner — und wir Deutschen vielleicht noch am
wenigsten dringlich. Und diese Frage ist denn doch zu lösen.
Freilich nur durch eine unendlich vermehrte geschichtliche Einsicht.