Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

ze 
Tonkunst. 
Wir könnten unsere heutige Lage um vieles sicherer, und weit 
hinaus jedenfalls über die bloße Analogie mit der Urzeit, bestimmen 
durch sehr eingehende geschichtlich-vergleichende Forschungen über 
unsere Kultur im Verhältnis zu der Kultur fortgeschrittenerer 
Völker, weniger der Griechen und Römer, bei denen nahe Ver— 
wandtschaft mit uns und tausend zwischen uns und ihnen in Re— 
zeptionen und Renaissancen gezogene Verbindungen die Einsicht 
in die verhältnismäßige Bedeutung der Vergleichsmomente 
stören, als vielmehr durch intensive Vergleiche mit der geschicht— 
lichen Entwicklung der Inder, der Chinesen und teilweis auch 
der Japaner — kurz, der geschichtlichen Träger des großen 
asiatischen Kulturkreises, des zweiten in der Welt, der neben uns 
und entwicklungsgeschichtlich vielfach vor uns steht. Aber haben 
solche Forschungen schon mehr als begonnen? Und kümmern sich 
unsere Historiker etwa zumeist um diese Dinge? Nein — die 
müssen innerhalb des engen Bereichs der europäischen und womög— 
lich gar nur innerhalb der eigenen nationalen Geschichte „indi— 
viduell“ verfahren, nach den Königen auch die Minister, Gesandten 
und andere Kärrner, nach den Malerfürsten auch die Farben— 
reiber ins Auge fassen und Geschichten schreiben statt Geschichte. 
Gehen wir aber von der Thatsache aus, die für die ästhe— 
tische Seite der Entwicklung schon nachgewiesen ist, daß das 
moderne Zeitalter und noch mehr die unmittelbare Vergangen— 
heit und Gegenwart psychisch charakterisiert sind durch ein 
steigendes Hervortreten des bewußten Nervenlebens, so erhält 
das Gesamtkunstwerk Wagners alsbald eine Beleuchtung, die 
es mit einem Schlage zu einer der wichtigsten — wenn nicht 
geradezu zur wichtigsten — Einleitungserscheinung der Periode 
der Reizsamkeit erhebt. 
Wir treten hier dem Verständnis am leichtesten näher 
von der Beobachtung jener eigentümlichen Erscheinungen her, 
die im Übergang der nervösen Reize untereinander bestehen, 
so daß Schallwellen Lichtempfindungen, Erregungen des Tast— 
gefühls Gehörsempfindungen, Lichtwellen Geschmacksempfin— 
dungen u. dergl. hervorrufen: Vorgänge, welche wissen— 
schaftlich zuerst mit dem Namen der Sywmopse bezeichnet
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.