Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

VI 
Dorwort. 
der deutschen Entwicklung mit der Periode der Empfindsamkeit 
einsetzt. Und als ich demgemäß zunächst das seelische Wesen 
dieser Periode festzulegen suchte, ergab sich wiederum, daß das 
vollständig nur möglich war unter ganz anschaulicher und ganz 
genauer Kenntnis der psychischen Strömungen des 19. Jahr⸗ 
hunderts, vor allem auch der jüngsten Zeit und der Gegenwart. 
Kurz, es stellte sich heraus, daß die Unterschiede der seelischen 
Zeitalter der neuen und neuesten Zeit, so evident und bedeutend 
iie an sich sind, doch bis in die eben noch mögliche feinste Aus— 
gestaltung ihres Wesens hinein nur dadurch klargelegt werden 
können, daß man die jeweils untersuchte Periode bis ins kleinste 
mit der vorhergehenden und der folgenden vergleicht. 
Diese Erfahrung war für mich in diesem Umfange neu. 
Für die urzeitlichen und mittelalterlichen Perioden hatte das 
Erfassen der einzelnen Perioden selbst der Hauptsache nach 
genügt. Aber war diese Erfahrung an sich wunderbar? Psycho— 
logen von Fach haben mir immer wieder versichert, ein 
solches Ergebnis sei mit Sicherheit vorauszusehen gewesen. Es 
ist wie mit der Erkenntnis der psychischen Entwicklung im 
Jugend- und Mannesalter des Menschen. Wer wird nicht die 
Fortschritte des Knaben- und Jünglingsalters leicht erkennen? 
Aber die Unterschiede der psychischen Entwicklung von den 
dreißiger zu den vierziger und von den vierziger zu den fünfziger 
Jahren festzustellen, ist weit schwerer und vielleicht auch nur 
durch viel sorgsamere Vergleichung der einzelnen Perioden nach 
rückwärts und vorwärts, als sie sonst geübt wird, wirklich 
eingehend möglich. 
Indem ich nun den Weg betrat, auf den ich durch diese 
Erfahrung gewiesen wurde, ergab sich's, daß ich zunächst lange 
zu schweigen hatte; die Vorarbeiten für das 16. bis 19. Jahr⸗ 
hundert häuften sich wohl, konnten aber nicht bis zu vollem 
Abschluß geführt werden. Und es fand sich weiter, daß schließlich 
am frühesten ein Band zur Vollendung gelangte, der sich mit 
der allerjüngsten Vergangenheit, ja teilweis sozusagen noch mit 
der Gegenwart unseres Volkes beschäftigt. Ihn lege ich im 
folgenden vor.
	        
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