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CTonkunst.
Nun aber fasse man alle diese Erscheinungen: das starke
Nervenleben der Zeit, den Drang der Künste nach Einheit, die
Bevorzugung der Musik und anderes gemeinsam ins Auge,
und man wird verstehen, was das Gesamtkunstwerk Wagners
hedeutete. Es war die erste ganze Errungenschaft der neuen Zeit:
tausend annoch vereinzelten Tendenzen verhalf es zu einem
einzigen Ausdruck, den großen Bruch schuf es in dem Damm
der Zeit, durch den die Wasser eines neuen Seelenlebens un—
aufhaltsam einströmten. Noch Voltaire hatte sagen können:
Oe qui serait trop sot pour être dit, on le chante; bei
Wagner findet sich der Satz: „Was nicht wert ist, gesungen
zu werden, ist auch nicht der Dichtung wert.“ Die Musik war
jetzt die führende der Künste geworden, und derjenige ihrer
besonderen Lieblinge, der zugleich ein Meister der anderen
Künste war, eröffnete mit seinem in erster Linie doch musi—
kalischen Gesamtkunstwerk die neuesten Zeiten.