Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
nis auf eine Anzahl früherer Stufen unserer nationalen Ent— 
vicklung zurückgegangen werden muß. 
Das Gleiche gilt auch für die bildende Kunst, schon wegen 
der engen Wechselverbindung aller seelischen Erscheinungen 
innerhalb einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft und inner— 
halb eines bestimmten Zeitalters dieser Gemeinschaft unter— 
einander. Nur daß die einzelnen Entwicklungsstufen hier viel 
besser überliefert sind und für unser Verständnis viel weiter 
zurückgehen. Denn was haben wir im Grunde von der deutschen 
Tonkunst des ersten Jahrtausends unserer Ara für Kenntnis 
außer dem Inhalt häufig recht vieldeutiger, kurz abgerissener 
Notizen? Für die bildende Kunst aber liegt aus diesen Zeiten 
eine geschlossene Überlieferung vor, und diese greift noch über 
sie rückwärts hinaus in vorgeschichtliche Zeiten, seitdem sich 
die Gräber unserer Urvorfahren geöffnet und monumentale 
Schätze in Fülle geliefert haben. Von nirgends her läßt sich 
daher besser, als von der Geschichte der bildenden Kunst aus 
ein Einblick in die ganze Raumtiefe unserer nationalen Ent— 
wicklungszeitalter und damit unserer heutigen Kultur überhaupt 
gewinnen. Und daß ein solcher Einblick auch im besonderen 
für das geschichtliche Verständnis der Kunst der Gegenwart 
notwendig ist, bedarf keiner besonderen Betonung. 
Dies Verständnis wird aber wieder unter den bildenden 
Künsten am besten aus der Geschichte der Malerei gewonnen. 
Die Bildnerei tritt in diesem Zusammenhang schon deshalb 
außer Wettbewerb, weil sie in den ältesten Zeiten, soweit wir 
noch sehen können, vornehmlich Flachbildnerei gewesen ist und 
deshalb mit der Malerei vielfach gemeinsame Gesetze der Ent— 
wicklung gehabt hat. Die Baukunst aber kommt zunächst nicht 
in Frage, weil sie in der Durchbildung ihrer einzelnen Ent— 
wicklungsstufen häufig genug von außerkünstlerischen Rück— 
sichten mit bedingt ist: so von den jeweils bestehenden Raum— 
bedürfnissen und von der jeweils zur Verfügung stehenden 
Kenntnis der statischen Gesetze, — ganz davon abgesehen, daß 
für sie auch die Fragen des Materials und des Klimas von 
weit größerer Bedeutung sind wie für irgend einen anderen
	        
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