Bildende Kunst.
76
Die folgende Periode, das Zeitalter des Individualismus,
das 15. bis 18. Jahrhundert, bringt zunächst den völlig
realistischen Umriß, d. h. den Umriß so, wie wir ihn bei ein—
gehender, den Gegenstand speziell ins Auge fassender Be—
trachtung seinem Verlaufe nach wirklich sehen, doch als eine
scharfe Linie, also zeichnerisch erfaßt. Das ist schon im Anfang
der Periode da, ja eben hiermit setzt sie ein. In ihrem Ver—
lauf kommt dazu ein volles Verständnis und eine virtuose
praktische Durchbildung der Linearperspektive, die in den Ver—
kürzungen der Deckengemälde der Barock- und noch mehr
der Rokokobauten übermütige Triumphe feiert. In der Farbe
wird zunächst, gleichzeitig mit der Entwicklung eines anfangs
etwas gezierten Geschmacks für gebrochene Töne, die Wieder—
gabe des Lokaltones voll erreicht, und darüber hinaus tritt
bereits das Problem der belichteten Farbe auf. Dabei wird das
Licht, das nun zugleich anfängt, das Gefühl der Raumtiefe
zu vermitteln, anfangs noch sehr ins Ungefähre aufgesetzt: in
weißen oder gelben Tönen oder gar in Tönen der Komplementär—
farbe, rosa auf hellgrün, bläulich auf gelblich u. s. w. Später
wird dann eine größere Annäherung an die Wirklichkeit erreicht,
indem das Licht in feinen Schattierungen der Lokalfarbe auftritt.
Und bald beginnt man auch einzusehen, daß das Licht vermöge
seiner Reflexe in der Luft nicht bloß an den Gegenständen
haftet, sondern auch den Zwischenraum ausfüllt und in ihm
gemalt werden muß. Die Fragen der Luftperspektive drängen
sich auf und damit erste große Versuche im Landschaftlichen, und
für den Innenraum werden die Schwierigkeiten des Hell—
dunkels berührt: was zu einer starken Ausbildung jenes
Sittenbildes Anlaß giebt, das die Innenräume lebendig macht.
Was aber auf diesen Gebieten erreicht wird, das ist noch nicht
die volle Wiedergabe des Lichtes, sondern nur eines von kon—
zentrierter Lichtquelle ausstrahlenden, im engeren Sinne des
Wortes beleuchtenden Lichtes: das Licht als das eigentliche
Medium, in dem wir alle Dinge sehen, das sich als Licht—
empfindung in uns zur Erscheinungswelt sinnlich so verhält,
wie erkenntnismäßig unser Bewußtsein, dies Licht ist noch nicht