Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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Die folgende Periode, das Zeitalter des Individualismus, 
das 15. bis 18. Jahrhundert, bringt zunächst den völlig 
realistischen Umriß, d. h. den Umriß so, wie wir ihn bei ein— 
gehender, den Gegenstand speziell ins Auge fassender Be— 
trachtung seinem Verlaufe nach wirklich sehen, doch als eine 
scharfe Linie, also zeichnerisch erfaßt. Das ist schon im Anfang 
der Periode da, ja eben hiermit setzt sie ein. In ihrem Ver— 
lauf kommt dazu ein volles Verständnis und eine virtuose 
praktische Durchbildung der Linearperspektive, die in den Ver— 
kürzungen der Deckengemälde der Barock- und noch mehr 
der Rokokobauten übermütige Triumphe feiert. In der Farbe 
wird zunächst, gleichzeitig mit der Entwicklung eines anfangs 
etwas gezierten Geschmacks für gebrochene Töne, die Wieder— 
gabe des Lokaltones voll erreicht, und darüber hinaus tritt 
bereits das Problem der belichteten Farbe auf. Dabei wird das 
Licht, das nun zugleich anfängt, das Gefühl der Raumtiefe 
zu vermitteln, anfangs noch sehr ins Ungefähre aufgesetzt: in 
weißen oder gelben Tönen oder gar in Tönen der Komplementär— 
farbe, rosa auf hellgrün, bläulich auf gelblich u. s. w. Später 
wird dann eine größere Annäherung an die Wirklichkeit erreicht, 
indem das Licht in feinen Schattierungen der Lokalfarbe auftritt. 
Und bald beginnt man auch einzusehen, daß das Licht vermöge 
seiner Reflexe in der Luft nicht bloß an den Gegenständen 
haftet, sondern auch den Zwischenraum ausfüllt und in ihm 
gemalt werden muß. Die Fragen der Luftperspektive drängen 
sich auf und damit erste große Versuche im Landschaftlichen, und 
für den Innenraum werden die Schwierigkeiten des Hell— 
dunkels berührt: was zu einer starken Ausbildung jenes 
Sittenbildes Anlaß giebt, das die Innenräume lebendig macht. 
Was aber auf diesen Gebieten erreicht wird, das ist noch nicht 
die volle Wiedergabe des Lichtes, sondern nur eines von kon— 
zentrierter Lichtquelle ausstrahlenden, im engeren Sinne des 
Wortes beleuchtenden Lichtes: das Licht als das eigentliche 
Medium, in dem wir alle Dinge sehen, das sich als Licht— 
empfindung in uns zur Erscheinungswelt sinnlich so verhält, 
wie erkenntnismäßig unser Bewußtsein, dies Licht ist noch nicht
	        
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