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Dunkle Tage für Ehrbarkeit
Zu den Direktoren und Beherrschern jener Versicherungs-
gesellschaften gehörten einige der hervorragendsten Magna-
ten und der am meisten gepriesenen Philanthropen in den
Vereinigten Staaten. Die fashionable Gesellschaft wurde
durch die Enthüllungen nicht erschüttert, denn sie war
selbst in jedem Teile und in jeder Faser auf Diebstahl, Be-
trug, Bestechung und Ausbeutung aufgebaut und dadurch
erhalten.
Aber die Apologeten und Anhänger, die ihrem Berufe
gemäß den Pfad der Geldfürsten mit Lob bestreuten, wur-
den in unerhörter Weise aus der Fassung gebracht. Was
konnten sie sagen, wenn von ihren Helden Leute wie George
J. Gould, Alfred G. Vanderbilt, John Jacob Astor, August
Belmont, Jacob H. Schiff?), Henry C. Frick, Darius O. Mills
und viele andere entweder als Beteiligte oder als verantwort-
liche Führer bloßgestellt wurden? Noch verdrießlicher war
die Besudelung ihrer großen Abgötter, E. H. Harrimans und
vor allem des frommen und menschenfreundlichen J. Pier-
pont Morgan?). Alle diese Gelderoberer waren grenzenlos
verherrlicht worden; nichts war so überspannt, daß man es
nicht von ihnen gesagt hätte; und nun konnte man sehen,
wie sie bei dem unbequemen Ereignis, „ertappt worden zu
sein‘, sich drehten und wandten.
Ein guter Ruf mag, wie die Dichter und Philosophen
sagen, ein unschätzbarer Besitz sein. Aber diese Magnaten
1) Die Lebensversicherungsgesellschaft „Equitable‘“ lieh „ungeheuer große
Summen“ an Kuhn, Loeb & Co., bei denen Schiff eine leitende Stellung innehatte.
(Ebenda, 118.) Dieses Kapital wurde zum großen Teile Harriman. zugewendet,
um bei seinen Plänen zur Vereinigung und Zentralisierung von Eisenbahnen Ver-
wendung zu finden. Schiff galt beim Publikum als einer der wohlwollenden Phil-
anthropen der Zeit.
2) Wie weit Morgan in der Verwendung von Versicherungsgeldern ging, wurde
durch die gesetzliche Untersuchungskommission dargetan. „Der Beweis ist er-
bracht,“ berichtete sie, „daß, während Mr. Perkins Teilhaber von J. P. Mor-
gan & Co. war, die Lebensversicherungsgesellschaft ‚New York‘ von jener Firma
Wertpapiere im Pariwerte von 39 286 075 Dollar für den Preis von 38 804 981,51
Dollar erlangt hat.“ Ebenda, 81. Der Bericht weist oberflächlich darauf hin, daß
die Lebensversicherungsgesellschaft „New York“ auf diese Weise beim Erwerb jener
Wertpapiere ein „Geschäft“ machte, In Wirklichkeit bestand ein großer Teil der
Papiere aus „verwässerten“ Aktien.