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Opfer wurden begraben, und der Bericht von seinen Misse-
taten wurde obskuren Strafregistern anvertraut, die mehr
und mehr in Vergessenheit gerieten. Die Bibliothek aber
und das Hospital, die er gebaut, oder das Asyl und die Uni-
versität, die er gegründet oder beschenkt hatte, dauerten
fort als sichtbare, bleibende Zeugnisse seiner philanthropi-
schen Güte.
So war die soziale Absolution, so war der erbliche Glanz
aristokratischer Gesinnung leicht zu gewinnen. Und gleich-
zeitig wurden weit größere Vorteile für die ganze Kapi-
talistenklasse erzielt: die Institutionen, die die Schenkungen
der großen Kapitalisten annahmen, wurden dadurch der
sozialen Ordnung, die diese großen Vermögen erzeugte,
noch ergebener. Die direkten Schenkungen baren Geldes
waren bindend genug; noch bindender aber waren die
Schenkungen von Aktien und Anteilen, wodurch Kirchen,
Universitäten und andere Institutionen interessierte Ver-
teidiger des Systems wurden, das den „sicheren Papieren“,
aus denen ein so großer Teil ihres Einkommens floß, ihren
Wert verlieh.
Die Philanthropie wurde für den amerikanischen Multi-
millionär eine fast obligatorische Mode. Es verbreitete sich
die allgemeine Überzeugung und Erwartung, er müsse ent-
weder bei Lebzeiten oder letztwillig große Summen ver-
teilen. Daß er sich, wenn er es unterließ, allgemeine Ver-
achtung zuzog, zeigte sich schlagend im Falle von Russell
Sage, der von seinen hundert Millionen Dollar auch nicht
zinen Dollar für philanthropische Zwecke gab, was seine
Witwe dann wieder gut machte, indem sie Millionen für
die Erforschung der Ursachen der Armut aussetzte. Wenn
man aber jeden aus der langen Reihe amerikanischer Multi-
millionäre, die erhebliche Summen gestiftet haben, einen
großen Menschenfreund nennt — mit welchem Super-
lativ soll man dann erst Andrew Carnegie bezeichnen ?
John Jacob Astor und Kommodore Cornelius Vanderbilt
gaben Hunderttausende, ]. Pierpont Morgan und John
D. Rockefeller viele Millionen. Carnegie aber hat seine
150 Millionen gestiftet — man rechnet in der Tat, daß er bis
heute ungefähr 157 Millionen Dollar hergegeben habe —,