Full text: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 2)

und das Ende dieser verblüffenden Ergüsse ist noch gar 
nicht abzusehen. Seit seinem ersten Auftreten auf dem 
Felde der Philanthropie hat die lumpige Stiftung von ein, 
zwei, fünf oder zehn Millionen Dollar aufgehört, Eindruck 
zu machen. Er gibt oft zehn oder fünfundzwanzig Millionen 
Dollar auf einmal weg. 
Hat man je etwas gesehen, das diesem verschwenderischen, 
verblüffenden Ausstreuen von Dollars auch nur im ent- 
ferntesten gleichkam? Andere amerikanische Multimillio- 
näre haben ihre Freigebigkeit auf die Vereinigten Staaten 
beschränkt, so daß ihr Ruf an die nationalen Grenzpfähle 
gebunden ist. Carnegie aber ist der große internationale 
Stifter: in ganz Amerika und Europa bezeugen Gebäude 
und Einrichtungen, die seinen Namen tragen, den weiten 
Kreis, den seine Freigebigkeit sich gesteckt hat. 
In diesen Tagen der tieferen Untersuchung von Ursache 
und Wirkung aber genügt es nicht, zu wissen, daß Carnegie 
ein großes Vermögen besitzt und daß er einen Teil dieses 
Vermögens mit so königlicher Verschwendung verteilt, 
daß er sich bereits eine geschichtliche Stellung als unüber- 
troffener Wohltäter seines Zeitalters erkauft hat. Die 
brennende Frage, die Erklärung erheischt, ist die: wie es 
möglich ist, daß in einer Zeit, wo Tausende von Arbeitern 
in elender Armut dahinleben, dieser Mann seinen Reichtum 
erwerben konnte, einen so unermeßlichen Reichtum, daß 
selbst die Hingabe von einigen 200 Millionen Dollar ihm 
nichts Ernstliches anhaben konnte. Ihm fließt freilich, 
wie man schätzt, in jedem Jahre ein Einkommen von 
25 Millionen Dollar zu. Aber während dieser unaufhörliche 
Strom von Gold in den Geldschrank eines einzigen Menschen 
fließt, der auch nur die Fähigkeit eines einzigen Menschen 
zu essen, zu trinken und zu schlafen hat, bekommen drei 
Viertel der erwachsenen Männer in den Industrien der 
Nordost- und der Nordzentral-Partie der Vereinigten 
Staaten augenblicklich weniger als 600 Dollar jährlichen 
Lohn; und dasselbe gilt von neunzehn Zwanzigstel der 
Frauen in diesen Industrien. Zehn und aber zehn Millionen 
Männer und Frauen sind nach einem Leben voll harter 
Arbeit und schwerer Entbehrung in Armut, ja im Elend
	        
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