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Diese beruflichen Klassen als ein bestehendes Proletariat
zu bezeichnen, wäre augenscheinlich absurd. Wie arm auch
viele ihrer Mitglieder, wie gering auch Lohn oder Gehalt
sein mögen, so nehmen sie doch als Ganzes eine Überlegen-
heit über die Handarbeiter für sich in Anspruch. Da sie sich
in einer Atmosphäre von Wohlerzogenheit und Achtbar-
keit bewegen, die oft unecht genug ist, versuchen sie sich mit
einer Miene des Standesbewußtseins und Ansehens zu um-
kleiden. Trotz alledem wirken materielle Kräfte rasch zu-
sammen, um diese angenommene Abgeschlossenheit nieder-
zubrechen. Wie auch immer die Ansprüche dieser beruf-
lichen Gruppen beschaffen sein mögen, es lastet auf ihnen
die schreckliche Gewalt des wirtschaftlichen Druckes. Die
Lebenspreise sind in den letzten zehn Jahren um reich-
lich 50 Prozent gestiegen — abgesehen von den Mieten;
und während die geübten und oft auch die ungeübten
Arbeiter mit Hilfe ihrer Organisationen, Streike, Boykotte
und anderer Mittel eine gewisse, wenn auch ungenügende
Zulage erzwungen haben, sind die Löhne und Gehälter
großer freiberuflicher Gruppen unverändert geblieben. Die
dauernd auferlegte Notwendigkeit, in Kleidung und Woh-
nung einen guten äußeren Schein aufrechtzuerhalten,
hat eine quälende Armut zur Folge, die um so schärfer
gefühlt wird, als Klugheit sie zu verbergen zwingt. Diese
Tatsache ist auch für die Hunderte und Tausende von
Kommis, Verkäufern, Verkäuferinnen und andern solchen
mit dem Verkauf von Handelserzeugnissen beschäftigten
Arbeitern zutreffend, wenn auch diese Arbeiter nicht in
die freiberuflichen Gruppen eingereiht sind.
Im allgemeinen sind deshalb die „geistigen Arbeiter“
durchaus nicht mit den bestehenden Verhältnissen zufrie-
den, unter denen die meisten von ihnen infolge der niedrigen
Löhne und Gehälter bei nur geringer Aussicht, vorwärts-
zukommen, leiden. Diese Unzufriedenheit bedeutet aber
noch lange nicht, daß sie sich selbst zum Proletariat rechnen.
Ihre Art der Erziehung, ihre Umgebung, das Fehlen jeder
Berührung mit der Maschinenarbeit und ihre persönliche
Geistesrichtung haben dazu geführt, daß sie für sich eine
besondere Stellung beanspruchen und die Ideen und