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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
klären, indem er das Band, das ihn mit der römischen Hoch
finanz verknüpfte, unter anderem am Beispiele des Finanziers
Rabirius vor Augen führt. Guiraud fällt in den Fehler Georg
Ebers': er führt das Altertum in allzu modernem Gewände vor.
Er treibt die Analogie zwischen den Einrichtungen und Ver
hältnissen der heutigen Wirtschaftsordnung mit denjenigen der
griechischen Stadtstaaten und des römischen Reiches bis zur
vollständigen Identifikation. Und innerhalb der antiken Welt
erkennt er zu wenig die Verschiedenheiten der aufeinander
folgenden Entwicklungsphasen. Es genügt eben nicht, in der
Geschichte nur lesen zu wollen, daß gewisse allgemeine Trieb
federn des menschlichen Handelns zu allen Zeiten dieselben
sind. Guiraud, der ein vorzüglicher Kenner des klassischen
Altertums ist, würde diesem in höherem Maße gerecht, wenn
er ein ebenso guter Kenner des heutigen Standes der Wirt
schaftswissenschaft wäre.
5. Kapitel.
Die Gruppe der Ingenieure und die mathematische Methode in
der liberalen Schule.
Die Besonderheit der Anschauungsweise in wirtschaftlichen
Dingen, welche wir hier im Auge haben, ist wesentlich durch
den Bildungsgang und die Berufsarbeit des Ingenieurs bedingt.
Sie wird gekennzeichnet durch die Verwendung der mathe-
mathischen Methode, das mechanisch - naturwissenschaftliche
Denken und die besondere Beachtung, welche der technischen
Seite der Unternehmen geschenkt wird. Als Vertreter dieser
Richtung nennen wir den Bauingenieur Colson. Es bedarf jedoch
kaum des Hinweises, daß dieser vermöge seiner Lehrtätigkeit an
der Ecole nationale des Ponts et Chaussées in der
französischen Technikerwelt vielseitigen Anhang besitzt.
Das mechanisch-naturwissenschaftliche Denken und in Ver
bindung damit das arithmetische, ziffernmäßige Beispielgeben finden
wir bereits an der Wiege der klassischen Schule. Descartes
und Hobbes und nach ihnen die Physiokraten pflegten beides.