Full text : Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 1)

— XXXVI —

flußreichsten Kapitalschicht, J.Pierpont Morgan, rief erst
neuerdings bei seinem Tod (1913) ausführliche Darstellungen
und Würdigungen seiner Laufbahn und seines Wirkens
hervor, von denen die Myerssche Beurteilung und Entwicklungsschilderung
 allerdings wesentlich abweicht. Auch
sonst ist das amerikanische Bank- und Börsentum mit seinen
Abenteuern und Erfolgen und mit seinen reichvergoldeten
Spitzen bei uns nicht unbekannt. An dieser Stelle sei jedoch
 mit einigen allgemeineren Betrachtungen noch auf
die tiefere Frage eingegangen: aus welchen Ursachen das
amerikanische Finanzkapital und die führende amerikanische
Finanzaristokratie eine, mit Europa verglichen, so außergewöhnliche
 wirtschaftliche und soziale Machtposition erobern
 konnte.
Schon die Gestaltung des Geld- und Zahlungsverkehrs
bildete in den Vereinigten Staaten seit jeher einen treibhausmäßigen
 Nährboden für das außerordentliche Gedeihen
des Bankgeschäftes. Zwar jene Zeiten sind längst vorüber,
wo Hartgeld wegen seiner Seltenheit zeitweise wucherisch
hoch bewertet und wo die umlaufenden Münzen aus aller
Herren Ländern mit wechselndem Kurswert gehandelt
wurden und so den Geldhändlern den ersinnbar weitesten
Spielraum für Spekulationen und Gewinne außergewöhnlicher
 Art ließen. Aber dann kam die Ära der wilden Bankengründungen
 und Banknotenausgaben, die allen Zahlungsabwicklungen,
 abermals zu Nutz und Frommen der vermittelnden
 und leitenden Bankwelt, eine überaus starke
spekulative Beimischung gab. Der Bürgerkrieg brachte
vollends die zügelloseste Papiergeldwirtschaft, mit einem
schwankenden, zuletzt ganz enormen Aufgeld der Goldmünzen:
 in der zweiten Hälfte des Jahres 1864 betrug dieses
nicht weniger als 150 Prozent, das heißt zweieinhalb Dollar
Papier waren nötig, um einen Dollar Gold zu kaufen. Die
Preise aller Waren und Leistungen waren wie vom Veitstanz
 erfaßt und spiegelten jedes dauernde Aufundab des
Geldwertes in ihren Zuckungen wieder. Für verwegene
finanzkapitalistische Ausnutzung von Preis- und Wertschwankungen
 boten sich kaum jemals ähnlich günstige
Vorbedingungen: konnte doch eine so toll-verbrecherische
            
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