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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Was die Grundtheorie anbelangt, die des Arbeitswertes, so ist sie
heute von den meisten der Marxisten verlassen worden, die sich mehr
und mehr zu der Theorie „des Grenznutzens“ oder zu der des „wirtschaft
lichen Gleichgewichtes“ bekennen 1 ). Trotz seinem Bekenntnis zum Arbeits
werte sah sich Karl Marx selbst beständig dazu gezwungen, als selbst
verständliche Folgerung oder sogar ganz ausdrücklich 1 2 ) zuzugeben, daß
der Wert von Angebot und Nachfrage abhänge, — wobei wir besonders
auf das hinweisen, was wir weiter oben über die Höhe des Profits gesagt
haben. Nachdem er den Arbeitswert als Axiom an die Spitze seines ersten
Bandes gestellt hat, führt er ihn in den folgenden nur als eine Art schema
tischer Ausdrucksweise an, um so das Verständnis der Tatsachen zu er
leichtern.
Da aber in der Beweisführung von Marx die Theorien der Mehr
arbeit und des Mehrwertes nur Folgerungen aus dem Prinzipe des Arbeits
wertes sind, so folgt daraus, daß der Zusammenbruch dieses ersten Prinzipes
auch die beiden anderen hinfällig macht. Wenn die Arbeit nicht not
wendigerweise den Wert schafft, oder wenn der Wert ohne sie geschaffen
werden kann, so beweist nichts, daß die Arbeit notwendigerweise einen
Mehrwert erzeugt; und folglich auch nicht, daß der Profit des Kapitalisten
in nichtbezahlter Arbeit besteht. Allerdings antworten die Neo-Marxisten,
1 ) Der italienische Syndikalist Arthur Labriola (Revue Socialiste, 1899,
Bd. I, S. 674) schreibt: „Während wir Marxisten es uns sauer werden ließen, den Mantel
des Meisters zu flicken, um ihn uns umzuwerfen, hatte die volkswirtschaftliche Wissen
schaft täglich Fortschritte gemacht . . . Man vergleiche, Kapitel um Kapitel, das
„Kapital“ von Marx und die „Principles of political Economy“ von Marshall; inan
wird daraus ersehen, wie Probleme, die wenigstens hunderte von Seiten im Kapital
beanspruchen, bei Marshall in einigen Zeilen gelöst werden.“ B. Croce (Materialismo
storico ed Economia marxistica, 1900, S. 106) schreibt: „Was mich anbelangt,
so bleibe ich fest bei der wirtschaftlichen Konstruktion der hedonistischen Schule . • • >
doch befriedigt das nicht meinen Wunsch nach einer soziologischen Aufklärung über
den Profit des Kapitals, und diese Aufklärung ist ohne die vergleichenden Betrach
tungen, die uns Marx vorschlägt, unmöglich.“
Endlich sagt Sorel (Saggi di critica del marxismo, 1903, S. 13): „E s
ist notwendig, jede Anwandlung, den Sozialismus zur Wissenschaft zu machen, auf
zugeben.“
2 ) Besonders in der von Bernstein angeführten Stelle: „Es ist in der Tat das
Gesetz des Wertes, daß nicht nur auf jede einzelne Ware nur die notwendige Arbeits
zeit Verwandt ist, sondern daß von der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit nur das
nötige proportionelle Quantum in den verschiedenen Gruppen verwandt ist. Denn
Bedingung bleibt der Gebrauchswert . . . Das gesellschaftliche Bedürfnis
d. h. Gebrauchswert auf gesellschaftlicher Potenz erscheint hier bestimmend für die
Quota der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit, die den verschiedenen besonderen
Produktionssphären anheimfallen.“ (Marx, Das Kapital, Bd. III, 2, S. 175—176) -y"
und Bernstein fügt hinzu: „Dieser Satz allein macht es unmöglich, sich über die
GossEN-BöHM’sche Theorie mit einigen überlegenen Redensarten hinwegzusetzen.
(Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozial
demokratie, Stuttgart 1904, S. 42, Anm. 2).