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B. Betrachtungen
bisher aber fast ausschließlich von der Kunstwissenschaft analysierte
Schönheit an den unmittelbaren Elementen des Daseins vollzieht“.
„Wie die asthetische Form nicht so eigenwillig werden darf, um für
die Anschauungen die Zweckmäßigkeit ... zu dementieren ..., — so
entsteht ein widerwärtiges Bild, sobald die Zweckmäßigkeit nach so
verschiedenen Seiten hin wirkt, daß sie die Einheit des Eindrucks
zerreißt.“
Auch aus der Mitte der Baukunstler ist gelegentlich die Gleichstellung
von technischer Notwendigkeit und ästhetischer Form zurückgewiesen
worden. Professor Pölzig, einer der repräsentativsten deutschen
Architekten der Gegenwart, außert sich in einer Rede, die er 1921 in
Salzburg zur Erläuterung seines Festspielhaus⸗Entwurfes hielt, über
das Zwedproblem *): „Alle rein technischen Erwägungen sind dem
Hünstler von vornherein ein Greuel. Und wenn er auch weiß, daß dieses
rein Technische nicht zu umgehen ist, daß es bewältigt werden muß,
so weiß er doch auch und fühlt beständig, daß das Technische im Leben
der heutigen Zeit eine viel zu große Rolle spielt, und er wird immer
wieder von neuem den Kampf gegen die Herrschaft der Technik auf⸗
nehmen. Technische und künstlerische Anschauung sind und bleiben
krasse Gegensaätze, und der Künstler weiß nur zu gut, daß gerade der
Kunst der Deutschen das krause, vielgestaltige, Umwege machende,
das ganz und gar Unrationalistische den Zauber aufdrückt.“
Heftiger noch als in der Architektur wird im Kunstgewerbe um
den Zwedgedanken gerungen. Waͤhrend in der Architektur die soziale
Gegebenheit des Zweckes und die Mittel, ihn zu erreichen vorgezeichnet
sind, einheitliche Gruppenbedürfnisse als soziale Voraussetzungen des
Formgedankens sich in dem Maße herausbilden, in welchem die
Strukturwandlungen des Wirtschaftlebens die gesellschaftliche Nivel⸗
lierung fördert, — waͤhrend also der Zweckbau wo nicht als unmittel⸗
bares aͤsthetisches Korrelat zum Kollektivgefühl, so doch als Element
der Lebenserleichterung von den breiten Massen anerkannt wird, ist
x) „Kunstblatt“ 1921, Heft 3, S. 77 ff.