Object: Neuere Zeit (Abt. 2)

442 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
getragen hatten und trugen, trat um so mehr die Frage auf, 
ob Brandenburg nicht von Preußen aus eingreifen solle. Der 
Große Kurfürst hatte gerüstet, er ging nach Preußen und ge⸗ 
wann außer seinem Lande auch die Stände von polnisch West⸗ 
preußen für eine selbständige Haltung, die in dem Defensiv⸗ 
bündnis von Riczsk vom 12. November 1655 zum Ausdrucke 
kam: doch war es von schlimmer Vorbedeutung, daß in diesem 
Buündnisse die drei großen westpreußischen Städte Elbing, 
Thorn und Danzig fehlten. In der Tat war der Ausgang 
dieses maskierten Widerstandsversuches gegen Schweden kläg— 
lich. Das brandenburg-preußische Heer vermied es, sich mit 
den Schweden zu messen, und der Große Kurfürst wurde zu 
dem Königsberger Vertrage vom 17. Januar 1656 gezwungen. 
In diesem Vertrage wurde dem Kurfürsten zwar das säkulari⸗ 
sierte Bistum Ermland, ein nicht unbedeutender Gewinn, als 
schwedisches Lehen zugewiesen, aber er mußte auf jeden An—⸗ 
spruch auf das polnische Westpreußen verzichten, wurde für das 
Herzogtum Preußen statt polnischer nunmehr schwedischer Vasall 
mit bedeutend erschwerten Lehnspflichten, mußte die Hälfte der 
Einnahmen sowie Seezölle an Schweden abtreten und versprach, 
ohne schwedische Erlaubnis niemals Kriegsschiffe in der Ostsee 
zu halten. 
Noch aber war dieser Vertrag kaum abgeschlossen, ja seine 
eingehendere Verhandlung kaum begonnen, da wandte sich das 
Glück der Schweden. Der rasche Feldzug, Karl Gustavs 
ausgesprochenem strategischem Genie verdankt, fast einer Über⸗ 
rumpelung gleichkommend, hatte die Polen doch nicht dauernd 
gedemütigt: beinahe mehr ein militärisch-technisches als ein 
politisches Meisterstück war er zu nennen. Jetzt erhoben sich 
von allen Seiten die nationalen Instinkte; das Bauernvolk 
und der niedere Adel griff zu den Waffen; die Muttergottes 
von Czenstochau tat Wunder für ihr Volk, und der Klerus lieh 
der nationalen Begeisterung Worte; selbst den matten Johann 
Kasimir, den einstigen Kardinal der römischen Kirche, ergriff, 
indem er heimgerufen wurde und sein Feldlager in Lemberg 
aufschlug, ein Funke königlicher Tatkraft. So ging man vom
	        
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