Object: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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xahlte ein bestimmtes Kapital ein. Die Zinsen wurden jährlich unter die 
Lebenden verteilt, wodurch sich der Anteil derselben fortdauernd erhöhte, 
je nachdem sich die Mitgliederzahl durch Tod verminderte, bis schliesslich 
der zuletzt Ueberlebende das ganze Kapital übernahm, ein Verfahren, das 
auch heutigen Tages noch hie und da Anwendung findet. In der Mitte 
des siebzehnten Jahrhunderts begann man schon das Material für die 
solide Grundlage der Lebensversicherung durch Aufstellung der Sterb- 
lichkeitslisten aus den Kirchenbüchern, geordnet nach dem Alter der 
Gestorbenen, zu sammeln, und hieraus eine bestimmte Absterbeordnung 
zu berechnen, wie dies von Fermat und Pascal, dann von dem 
anglischen Mathematiker Halley geschehen ist, der auf Grund der 
Auszüge aus Breslauer Kirchenbüchern i. J. 16593 Sterblichkeitstafeln be- 
vechnete. Erst mehrere Jahrzehnte später wurden sie einer wesentlichen 
Berichtigung unterworfen. Am Schlusse des siebzehnten Jahrhunderts 
entstanden in England die ersten selbständigen Privatgesellschaften für 
Wittwen- und Waisenversorgung. 1705 wurde die erste eigentliche 
Lebensversicherungsgesellschaft im modernen Sinne „der Amicables“ in 
London gegründet, die bis zum Jahre 1866 bestanden hat. Der Kon- 
tinent folgte damit erst 100 Jahre später. In Frankreich ist erst 
1819 eine solche ins Leben gerufen. In Deutschland war es wiederum 
Arnoldi, der 1827 eine Lebensversicherungsbank und zwar auf Gegen- 
zeitigkeit in Gotha begründete, die 1829 ins Leben trat und bis zum 
zegenwärtigen Momente in Blüte steht. 
Am Schlusse des 18, Jahrhunderts wurde in Mecklenburg inHagelversiche- 
dem Städtchen Neu-Brandenburg die erste Hagelversicherungsan- rung. 
stalt errichtet, die auf Gegenseitigkeit beruhte, und nach diesem Vor- 
bilde sind dann eine Menge lokalisierter Gegenseitigkeitsgesellschaften 
ins Leben gerufen, die aber vielfach nur kurz bestanden haben, weil 
es an der nötigen Wahrscheinlichkeitsrechnung und territorialen Aus- 
oreitung fehlte, um eine entsprechende Verteilung des Risikos bewirken 
zu können. 
In den dreissiger Jahren wurde dann die Viehversicherung 
zingeführt, sowohl als lokalisierte Kuhkassen der kleinen Leute, wie 
als grössere Centralanstalten. Die letzteren haben aber ein halbes 
Jahrhundert hindurch vergebens versucht, eine feste und sichere Existenz 
zu erlangen, Kine grössere Ausbildung hat in der zweiten Hälfte des 
letzten Jahrhunderts die Landtransportversicherung gewonnen, 
wie das in dem Zeitalter des Dampfes nicht anders zu erwarten ist. 
Versicherungen gegen Glasbruch, Bruch von Wasserleitungsvorrichtungen 
braten hinzu. 
$ 79. 
Die verschiedenen Formen der Versicherungsgesellschaften. 
Die Versicherung kann in verschiedenen Formen geschehen: 
I. auf genossenschaftlichem Wege durch Vereinigung der Versicherten 
zur Gegenseitigkeitsversicherung, 2. durch Versicherung bei 
sinem den Versicherten gegenüberstehenden Versicherer, wobei der 
Letztere dem Ersteren gegenüber die Haftung für den Versicherungs- 
vertrag übernimmt, selbständig die erforderlichen Einrichtungen trifft 
und die Interessenten zu vereinigen sucht, wie die Aktienvgesellschaften.
	        
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