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xahlte ein bestimmtes Kapital ein. Die Zinsen wurden jährlich unter die
Lebenden verteilt, wodurch sich der Anteil derselben fortdauernd erhöhte,
je nachdem sich die Mitgliederzahl durch Tod verminderte, bis schliesslich
der zuletzt Ueberlebende das ganze Kapital übernahm, ein Verfahren, das
auch heutigen Tages noch hie und da Anwendung findet. In der Mitte
des siebzehnten Jahrhunderts begann man schon das Material für die
solide Grundlage der Lebensversicherung durch Aufstellung der Sterb-
lichkeitslisten aus den Kirchenbüchern, geordnet nach dem Alter der
Gestorbenen, zu sammeln, und hieraus eine bestimmte Absterbeordnung
zu berechnen, wie dies von Fermat und Pascal, dann von dem
anglischen Mathematiker Halley geschehen ist, der auf Grund der
Auszüge aus Breslauer Kirchenbüchern i. J. 16593 Sterblichkeitstafeln be-
vechnete. Erst mehrere Jahrzehnte später wurden sie einer wesentlichen
Berichtigung unterworfen. Am Schlusse des siebzehnten Jahrhunderts
entstanden in England die ersten selbständigen Privatgesellschaften für
Wittwen- und Waisenversorgung. 1705 wurde die erste eigentliche
Lebensversicherungsgesellschaft im modernen Sinne „der Amicables“ in
London gegründet, die bis zum Jahre 1866 bestanden hat. Der Kon-
tinent folgte damit erst 100 Jahre später. In Frankreich ist erst
1819 eine solche ins Leben gerufen. In Deutschland war es wiederum
Arnoldi, der 1827 eine Lebensversicherungsbank und zwar auf Gegen-
zeitigkeit in Gotha begründete, die 1829 ins Leben trat und bis zum
zegenwärtigen Momente in Blüte steht.
Am Schlusse des 18, Jahrhunderts wurde in Mecklenburg inHagelversiche-
dem Städtchen Neu-Brandenburg die erste Hagelversicherungsan- rung.
stalt errichtet, die auf Gegenseitigkeit beruhte, und nach diesem Vor-
bilde sind dann eine Menge lokalisierter Gegenseitigkeitsgesellschaften
ins Leben gerufen, die aber vielfach nur kurz bestanden haben, weil
es an der nötigen Wahrscheinlichkeitsrechnung und territorialen Aus-
oreitung fehlte, um eine entsprechende Verteilung des Risikos bewirken
zu können.
In den dreissiger Jahren wurde dann die Viehversicherung
zingeführt, sowohl als lokalisierte Kuhkassen der kleinen Leute, wie
als grössere Centralanstalten. Die letzteren haben aber ein halbes
Jahrhundert hindurch vergebens versucht, eine feste und sichere Existenz
zu erlangen, Kine grössere Ausbildung hat in der zweiten Hälfte des
letzten Jahrhunderts die Landtransportversicherung gewonnen,
wie das in dem Zeitalter des Dampfes nicht anders zu erwarten ist.
Versicherungen gegen Glasbruch, Bruch von Wasserleitungsvorrichtungen
braten hinzu.
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Die verschiedenen Formen der Versicherungsgesellschaften.
Die Versicherung kann in verschiedenen Formen geschehen:
I. auf genossenschaftlichem Wege durch Vereinigung der Versicherten
zur Gegenseitigkeitsversicherung, 2. durch Versicherung bei
sinem den Versicherten gegenüberstehenden Versicherer, wobei der
Letztere dem Ersteren gegenüber die Haftung für den Versicherungs-
vertrag übernimmt, selbständig die erforderlichen Einrichtungen trifft
und die Interessenten zu vereinigen sucht, wie die Aktienvgesellschaften.