Fünfundzwanzigstes Buch. Fweites Kapitel.
hältnisse stehe wie die theoretische Maschinenkunde zur allgemeinen
Mechanik. Und so mochte man denn meinen, es werde der
Realismus mit einer rationalistischen Mechanisierung auch der
biologischen Tatsachen enden: und nicht wenigen erschien dieses
Ziel ebenfalls gegen Ausgang der fünfziger Jahre mit der
Verkündung der Anpassunas- und Vererbungslehren Darwins
erreicht.
Dies aber erschien dann fast wie ein Abschluß der Natur—
wissenschaften überhaupt. Denn waren ihre Erscheinungen jetzt
nicht auf ein Prinzip reduziert? War nicht nunmehr jener so
aft gesuchte eine Schlüssel gefunden, der die Geheimnisse aller
Natur und alles Samens aufschloß? —
Die Entwicklung der biologischen Wissenschaft ist im Grunde
im Verlaufe des 19. Jahrhunderts beschlossen. Zwar sind schon
früher wichtige Tatsachen der Biologie entdeckt und genauer fest⸗
gestellt worden: hierher gehören die Versuche Harveys über den
Blutkreislauf, Hallers und Fontanas über die Sensibilität und
Irritabilität der tierischen Organismen, Spallanzanis über die
Bedingungen der Befruchtung. Aber zu einer in sich ausgebauten,
ja nur auch auszubauenden Wissenschaft waren diese vereinzelten
Tatsachen noch keineswegs zusammengeschossen.
Der Grund hierfür war im tiefften darin gelegen, daß die
Wissenschaften der anorganischen Natur noch nicht weit genug
entwickelt waren, um denen der organischen brauchbare Unter—
lagen zur Untersuchung der Lebensvorgänge zu liefern. Deut—
lich trat das in jener Wissenschaft vom menschlichen Leben her⸗
vor, die noch am weitesten entwickelt war, in der Medizin.
Hier war man zwar seit dem 16. Jahrhundert langsam zur
Durchforschung des toten Körpers fortgeschritten, während die
Anatomie im Mittelalter im wesentlichen als ein gottloses Be⸗
ginnen gegolten hatte; aber auch die Anatomie war noch nicht
über die rein beschreibende Behandlung des Befundes hinaus⸗
gekommen: sogar die mechanische Erklärung der Funktionen der
Bänder und des Knochengerüstes hat der Hauptsache nach erst
das 19. Jahrhundert erlebt.
Wie sollte da die Physiologie, als Teil etwa gar einer