ErsterKampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 5
bierziger bis siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts in der
Geschichte der Nation ein merkwürdiges Gesicht, ja fast einen
Januskopf: die geistige Kultur geriet in herbstliche, wenn nicht
in Winterszeiten einschlummernden Absterbens; in Politik und
Volkswirtschaft dagegen grünte und sproßte es auf und erschienen
erst gleichsaam Keime und Früchte noch einmal jener Gedanken,
die auf geistigem Gebiete schon der Vernichtung entgegeneilten.
Das gab denn freilich der ganzen Zeit etwas wunderlich Zwie⸗
spältiges und all ihrem Tun ekwas von Willkür, wie es z. B. in
der Tatsache zum Ausdruck gelangt, daß die Reichsverfassung
von 1871 weithin Fürsorge für die Entwicklung der materiellen
Kultur der Nation traf, dagegen eine Fürsorge für deren geistige
Güter fast gänzlich vermissen ließ.
Aber in dieser Zwiespältigkeit beruht doch zugleich auch
die Größe der Epoche. Gewiß ist sie in dem, was sie von
der Kultur des absterbenden frühen Subjektivismus nun in
konkrete politische, rechtliche, soziale Formen bringt, in hohem
Grade einseitig; Forderungen eines schon beginnenden höheren
Denkens und Fühlens werden von ihr auf praktischem Ge—
biete abgewiesen: was haben darunter schöpferische Geister
wie Hebbel und Wagner, was in gewissem Sinne selbit Politiker
wie Bismarck zu leiden gehabt!
Aber in dieser Einseitigkeit ist sie doch auch wiederum
energisch und wird in dieser Energie nicht bloß durch Prinzipien⸗
treue gegenüber wohldefinierten Idealen, sondern auch schon
durch die Forderungen und Lebenserrungenschaften des höheren
Formen entgegeneilenden neuen Wirtschaftslebens unterstützt; und
so entbehrt sie auch in dem, was sie als Mandatarin gleichsam all
des gewaltigen Tatendranges und der Programmfreudigkeit der
vorhergehenden Geschlechter durchführt, nicht eines lebendigen
Interesses, das weit über die rein historische Wißbegier hinaus⸗
leitet, wie sie sich vornehmlich allerdings ihren geistigen Verfalls—
erscheinungen zuwenden mag.
Nach alledem liegt es in der Natur der Dinge, daß unsere
Erzählung sich in diesem Bande gewiß zunächst mit den teil⸗
weise seltsamen Vorgängen des Seelenlebens namentlich der