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Armenversorgung entlasten. Schon darum dürften die (jemein-
den die berufensten Träger einer Organisation des Arbeits-
nachweises sein. Vom communalen Arbeitsnachweise als Unter-
bau könnte man dann leicht zu höheren Formen der Arbeits-
vermittelung (Landes- und Reichsanstalten) aufsteigen,
Ein anderes Mittel zur Ausnützung der vorhandenen und
zur Schaffung neuer Arbeitsgelegenheit liegt in der Errichtung
von Arbeiter- und Ackerbaukolonien. Diesen Ein-
richtungen liegt der richtige Gedanke zugrunde, von dem über-
schüssigen Arbeitsmarkte in den Städten Abzugskanäle nach
dem flachen Lande zu schaffen. In Deutschland bestehen der-
zeit etwa 25 Arbeiterkolonien (mit etwa: 4000 Plätzen) nach
dem Muster der auf Anregung‘ des Pastors v. Bodelschwingh
im Jahre 1882 eröffneten Kolonie Wilhelmsdorf bei Bielefeld ?).
Ein Rückblick auf die Entwickelung der Arbeiterkolonien in
den ersten 10 Jahren ihres Bestandes lehrt, dass sich bis März 1891
44 807 Kolonisten in 22 Kolonien befunden haben *). Als Mittel,
in Verfall geratene Glieder der menschlichen Gesellschaft wieder
zur Arbeit zurückzuführen, haben sie sich vortrefflich bewährt.
Allerdings erstreckt sich ihre Fürsorge nur auf einen kleinen
Kreis, und man darf daher von ihrer Thätigkeit nicht allzuviel
erwarten. — Das Wesen der Ackerbaukolonien wurde bereits
im $ 7 an der Hand des sozialpolitischen Berichtes des Luxem-
bourg dargestellt,
Von grosser Bedeutung‘ wäre auch die Verwirklichung des
Saint-Simonistischen Gedankens, einen allgemeinen Ar-
beitsplan zu entwerfen (s. $ 4). Besonders dringend ist aber
eine Organisation der Notstandsarbeiten. Hier eröffnen
sich der communalen und staatlichen Verwaltung neue, grosse
Sphären der Thätigkeit, Eine planvolle, systematische und
rechtzeitig vorbereitete Organisation der Notstandsarbeiten würde
unendlich viel soziales Leid lindern und grosse Mengen von
1) Vel. den Aufsatz von G. Berthold, Die Verhandlungen des
Deutschen Vereines für Armenpflege und Wolthätigkeit am 5. u. 6. Okt. 1883
zu Dresden, in Schmoller’s Jahrbuch, Leipzig 1854, 8. Jahrgang, p. 512,
und die daselbst angeführte Äusserung Bodelschwingh’s: „Die Kolonien
sollen jedem die Hand reichen, der sich retten lassen will. Wir\ haben in
Wilhehnsdorf daher keine Stromer, sondern Leute, die wirklich arbeiten
wollen. Wir erkennen den Leuten auch kein Recht auf Arbeit zu;
wer diese als ein Recht verlangt, dem orwidern wir: Bei uns ist es freie
Barmherzigkeit, hier ist die Thür.“ .
2) Vol. die Blätter für soziale Praxis, Frankfurt a. M., 1. Jahrgang,
p. 1928 und das Sozialpolitische Centralblaft, Berlin 1893, Ba. 2 p- 285. ©
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