Full text : Die Sprengstoffe, ihre Chemie und Technologie

b Erstes Kapitel: D. Sprengstoffabrikation in ihrer geschichtl. Entwickl.

pfeile und Seuerkugeln bei Belagerungen und in der Schlacht aufs
eingehendste berichtet. Aber die genaue Zusammensetzung des grie—
chischen Feuers wurde von den Griechen sorgfältig geheim gehalten.
Sie nennen die brennbaren Bestandteile, Pech, Naphta, Schwefel,
aber von dem wichtigsten Bestandteil, dem Salpeter, wird kein
Wort gesagt. Weniger Reserve legten sich die arabischen Schrift—
steller auf. In einem von Reinaud und Favsé Du jeu grégeois
et des origines de la poudre à canon; 18485) übersetzten ara⸗
bischen Manuskript werden mehrere Mischungen von Salpeter mit
verschiedenen brennbaren Stoffen angegeben.
Diele Rezepte salpeterhaltiger Brenngemische finden wir in dem
berühmten Buche des Marcus Graecus: Liber ignium ad
comburendum hostes. Die Entstehungszeit dieses Werkes ist
ungewiß; sie wird zwischen 11. und 13. Jahrhundert gesetzt.
Huttmann) meint, es könne nicht vor 1229 verfaßt worden
sein, da die Araber früher noch nicht Salpeter zu den brennbaren
Mischungen verwendet haben und der Verfasser hauptsächlich aus
arabischen Quellen schöpft. Unter den Vorschriften finden sich Zu⸗
sammensetzungen, welche der des heutigen Sprengpulvers sehr nahe
kommen, 3. B. 2 Pfund Schwefel, 2 Pfund Lindenkohle, 6 Pfund
salpeter. Aber ebenso wie die arabischen Autoren spricht auch
Marcus Graecus nur davon, daß die Mischungen Brand er⸗
zeugen sollen, er beschreibt auch die Kakete, aber die Verwendung
als Treibmittel in Kanonen kennt er nicht. Immerhin wurde mit der
KRakete Gebrauch von der Triebkraft gemacht Marcus Graecus
beschreibt sie als ignis volatilis oder tunica ad volaundum. Das
salpeterhaltige Gemisch wurde in eine Röhre gebracht, die am
geschlossenen oder verengten Ende erhitzt wurde. Die hier entflammte
Masse schleuderte den Inhalt brennend heraus. Es ist auch zu
berücksichtigen, daß der damalige Salpeter, auch wenn er umkristalli⸗
siert war, nur ein sehr unreines Kaliumnitrat sein konnte. Wenn
die oben angegebene Mischung reinen Salpeter enthielte, so würde
sie beim Entzünden plötzlich detonieren, aber nicht wie eine Rakete
oder ein Schwärmer verbrennen. Marcus Graecus beschreibt
allerdings auch eine tunica tonitruum faciens. Aber auch hierbei
handelt es sich nicht um eine momentane Explosion. Die mit Brenn⸗
mischung halb gefüllte hülse zerplatzte unter Knall, sobald sie
durch den Druck der allmählich entwickelten Verbrennungsgase

1) Industrie der CExplosiostoffe, Braunschweig 1895. 8. 8.
            
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