Metadata: Neueste Zeit (Abt. 3)

204 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
Aber es war klar, daß es sich nur um einen Augenblick 
des Überganges handeln konnte. Und jenseits dieses Augen⸗ 
blickes mußte die in einer jetzt eben aufs wunderbarste an⸗ 
schwellenden Literatur vertretene Bildung einen bisher schon 
mmer stärker, aber noch nicht überwiegend betretenen Weg 
nun vollends einschlagen: den Weg hinein in die Gefilde der 
Dichtung. Denn inzwischen waren die Anfänge des sub— 
jektivistischen Seelenlebens erwachsen, und feurig belebt, wie 
jeglicher Beginn eines neuen menschlich großen Schicksals, er⸗ 
schien den vorwärts drängenden Zeitgenossen die Welt zunächst 
in den poetischen Farben des Enthusiasmus. Und so ging die 
Bildung der Erwachsenen vornehmlich in Kenntnis und Genuß 
der neuen Literatur auf: „statt daß sonst nur Phrase, Familien⸗ 
oorfälle und Schwächen der Nächsten Gegenstände gesellschaft⸗ 
licher Unterhaltung waren, sprach man jetzt von Schauspielen 
und anderen Gegenständen der Literatur“. Und mit welchem 
Feuer nahm man das Neue auf! „Ich kann Ihnen nicht be⸗ 
ichreiben,“ teilt Stolberg Bürger mit, „wie sehr Ihre Leonore 
hier bewundert wird ... Ich bin mehr als einmal Zeuge 
zgewesen, daß beim Spieltisch die Damen den Almanach aus 
der Tasche gekriegt und die Leonore laut gelesen haben. Die 
Karten wurden beiseite gelegt, und von anderen Spieltischen 
stand man auf und horchte zu.“ Natürlich, daß auch diese 
Begeisterung Modesache wurde. Der „Humeur“ mancher Dame, 
die früher nur Bologneserhündchen liebte, legte sich auf litera— 
rische Lektüre; und von Leipzig heißt es im Jahre 1799: 
„Wir lesen alles bei der Erde weg, Wielands Agathon und 
Gustav Waldmann, Walter von Monberry und den Burg— 
frieden, den Pächter Martin und den Eulenspiegel, Heiden⸗ 
reichs Erbauungen und die Liaisons dangereuses. Das 
Höckerweib hinter dem Käsekorb liest sowie die Dame an der 
Toilette; der Markthelfer macht sich über die Lektüre seines 
Herrn, sobald jener den Rücken wendet; die Jungmagd holt 
ihr Buch bei dem Bücherverleiher, Kinder lesen, Greise lefen ... 
es ist eine Lesewut in dies Volk gefahren.“ 
Gewiß zeigt dabei das Leipziger Beispiel, daß nicht immer
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.