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PREUSSEN. — Sociale und industrielle Zustände.
suchte man die ganze Nation wehrhaft zu machen. Die Ijeistungen des
preuss. Volkes in den Jahren 18111—15 waren mit die ersten Früchte
dieser Fortschritte. — Trotz zahlloser Verkümmerungen jener zum
Theile selbst anfänglich schon nur unvollständig anerkannten, in der Re-
actionszeit nach 18411 aber häufig aufs Heftigste angefeindeten) Princi
pien, sahen wir das Volk unter dieser Gesetzgebung in socialer Beziehung
weit mehr sich entwickeln, als jene andern deutschen Stämme, bei denen
man die feudalistischen Vorrechte, die Güteruntheilbarkeit, den Zunft
zwang u. s. f. aufrecht erhielt. Man vergleiche z. B. die Bevölkerungs
zunahme in Preussen mit der in Oesterreich oder Altbayern ; man ver
gleiche überdies die industriellen I,eistungen. Und dabei vergesse man
nicht, wie in Preussen so oft bureaukratische Einrichtungen hemmend
und lähmend ein wirken; wie das Streben, den Staat als Grossmacht auf-
treten zu lassen, unnatürliche Anstrengungen erheischt, und wie nament
lich die lange Zeit fast hermetische Grenzabschliessung Russlands höchst
verderblich wirken musste. — So ungenügend unserer Ansicht nach die
blos theilweise Anerkennung der freien socialen Principien in Preussen
auch ist, so wurde der Staat dennoch nur durch sie in den Stand gebracht,
eine Stellung als Grossmacht zu behaupten. Preussen ist beinahe ebenso
wenig wie Oesterreich ein von Natur gebildeter, durch natürliche Mar
ken begrenzter, durch Vereinigung gleicher Stämme geschaffener Staat.
Man betrachte die Ausdehnung des mässigen Gebiets, von Memel nach
Saarbrücken und Hohenzollern, wie es schutzlos und unzusammenhängend
da liegt; man beachte die Verschiedenheit der Altpreussen und der Rhein
länder ; die Antipathien des Protestantismus und Katholicismus ; den Wi
derwillen zwischen Deutschen, Polen und Litthauern; man berücksich
tige dabei den beschränkten Umfang des Staates und den geringen natür
lichen Reichthum vieler seiner Gebiete, — und man wird erkennen, dass
Preussen nur in höherer freier Entwicklung, und schliesslich nur in
einem Aufgehen in Deutschland sein eigenes Heil finden kann.
Volksbildung. Stand der Unterrichtsanstalten 1860:
Elementarschulen
Mittelschulen .
Realschulen
Progymnasien
Gymnasien
Lehrer-Seminare
Anstalten
25,150
500
123
33
144
58
Lehrer
20,533
1,857
820
153
1,503
Schüler
2’773,4I3
101,400
24,004
3,247
43,305
3,405
Es sind nur die festangestellten Lehrer und Lehrerinnen eingerech
net. Nicht mitgezählt sind die Privatanslalten, so wie die Provinzial-,
Kunst-, Gewerb- und Ackerbauschulen. Von der Schülerzahl in den
Elementarschulen waren l’ lOJ, 1 70 Knaben , 1’870,2 13 Mädchen. —
Ende 1861 bestanden 21,768 öffentl. Elementarschulen mit 86,788
Classen, 88,617 Lehrern und 1 7u5 Lehrerinnen. Zahl der schulpflich
tigen Kinder 3’090,201. Davon besuchten 2’875,886 die öffentl.,
81,021 concessionirte Privatschulen, zus. 2’1)59,857. Von den Schü
lern der öffentl. Anstalten waren 1,775,888 evangel., 1*063,805 kath.,
80,058 jüdisch und 6090 dissidentisch — Gesammtbesoldung des Leh
rerpersonals 7’449,224 Thlr. (Durchschnittsgehalt in den Städten 281,
auf dem Lande 181 Thlr.) Dazu werden aufgebracht: durch Schulgeld