Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

AI>I>GEMEINE VERHÄETNISSE. — Eebensdauer. 
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meisten im höheren Alter hervor , und würde noch ungleich grösser sein 
wenn sich die Reichen nicht häufig durch ein Uebermaas von Genüssen 
selbst das Leben verkürzten. (Siehe auch Quetelet’s wahrhaft treff 
liches Werk »sur Ihomme et le développement de ses facultés, ou essai 
de Physique sociale.V. Paris, 1835.) Villermé’s Beobachtungen stimmen 
damit überein. So stirbt in dem mehr von Reichen bewohnten ersten 
Stadtbezirke von Paris jährlich nur '/¡g , in dem mehr von Armen be 
wohnten zwölften Bezirke (mindestens) der Gesammtbevölkerung.*) 
Ebenso stirbt in den wohlhabenden Departementen Frankreichs jährlich 
/4s 1 iîi den armen %g der Einwohnerschaft. Lord Ebrington fand zu 
London eine durchschnittliche Sterblichkeit von 25 per mille , in einigen 
Quartieren aber stieg sie auf 40, während sie in anderen nur 13 betrug. 
Ebenso ermittelte er an einigen Orten eine mittlere Lebensdauer im Hand 
werkerstande von nur 19 — 20, in der Classe der Handelsleute und 
Gentlemen eine von 40 — 45 Jahren. Und dabei darf nicht übersehen 
werden, welche bedeutende Annäherung der Ziffern dadurch bewirkt 
ist, dass nirgends blos Reiche, nirgends bl0s Arme wohnen; schon 
der partielle Unterschied erzeugt solche Abweichungen.**) 
Ah- oder Zunahme der Lebensdauer. In früherer Zeit nahm man, 
wol nicht ohne Einwirkung gewisser durch die Bibel empfangener Ein 
drücke , unbedingt an, dass die Menschen vordem ein viel höheres Alter 
erreicht hätten. Die Grundlosigkeit dieser Unterstellung musste allmäh- 
lig erkannt werden. Nun wurden aber die glänzendsten entgegengesetz 
ten Berechnungen zum Beweise einer ungemein gesteigerten Lebensdauer 
aufgestellt. Schon d’Ivernois nannte dies »eine Lieblingsthese der Doctri 
nare.« Es ist in der neuesten Zeit zur Evidenz dargethan worden, dass 
jene Berechnungen im Allgemeinen auf irrigen Grundlagen beruhen , dass 
somit ihre Resultate unhaltbar sind. Ein mathematischer Beweis für die 
behauptete Verlängerung des menschlichen Lebens lässt sich in Wirk 
lichkeit nicht hersteilen , da es durchaus an dem nöthigen Materiale fehlt, 
die Lebensdauer nach den verschiedenen Altersclassen in den frühem 
Zeiten zu ermitteln; ist dies doch selbst jetzt nur sehr unvollkommen 
möglich. Auf die betreffenden Verhältnisse hat namentlich Wappäus 
hingewiesen. Am auffallendsten trat aber die Sache hervor, als vor 
• TT*^ Villermé kam in Paris in den Jahren 1S22—2ü ein Todesfall : 
im II. Arrondissement 1 auf 71 Lebende ; mittl. Miethpreis pr. Wohnung 605 Fres. 
- I. - 1 - (;h - _ - 408 - 
- IX- - 1 - 50 - - _ - . 172 - 
- XII. - 1-44- - _ _ - 148 - 
**) Chadwick (the duration of life, London 1844) kam zu folgenden Resul 
taten: Bei der Gentry sterben bis zum 5. Alteryahre von 100 lebend geborenen 
Kindern 20, bei der Arbeiterbevölkerung 50. Die mittlere Lebensdauer ist bei 
der ersten 44, bei der letzten 22 Jahre. 
Villermé hat aus den Altersverhältnissen von 5419 in Mühlhausen zwischen 
1823 -34 V^erstorbenen aus den Ständen der Fabrikherren, Kaufleute bis herab 
zu den Arbeitern in den Spinnereien, die wahrscheinliche Lebensdauer bei der 
Geburt (oder die Zeit, bis zu welcher die Hälfte der Lebend-Geborenen ge 
storben ist) und die mittlere Lebensdauer im 20. Altersjahre zu ermitteln, somit 
eine Statistik nach den VV'ohlstandsverhältnissen herzustellen gesucht. Er kam 
zu dem Resultate, dass die Unterschiede der wahrscheinlichen Lebensdauer bei 
der Geburt um das Neunfache, beim Eintritte des 20 Jahres aber noch um 
mehr als die Hälfte differirt.
	        
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