Anhang. Zur Philosophie der Statistik.
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täuschen und nicht selten ins Verderben verlocken, während sie Unglück
über ganze Länder bringen, — noch durch dieLeidenschaften, welche
blos lästern, anzuschwärzen und herabzuwürdigen suchen. Statistisch
hat die menschliche Perfectibilität eine mächtige Offenbarung in der re
gelmässigen Entwicklung der Bevölkerungszunahme vermittelst des
Ueberschusses der Geburten über die Sterbfälle, — mit andern Worten :
in der Zunahme der mittleren Lebensdauer des Menschen, dem hohen
und getreuen Ausdrucke der socialen Verhältnisse eines Landes und
Volkes.» —
So ungefähr drückt sich Valentin-Smith aus, und er hat damit
einen Punkt bezeichnet, dessen Bedeutung weder die kriechendste
Schmeichelei, noch die giftigste Gehässigkeit zu verwischen im Stande ist.
Es war sicherlich nicht Folge eines blinden Ungefährs, nicht das
Ergebniss durchaus unabwendbarer Zustände, wenn in den Jahren 1854
und 55 zum erstenmal während des ganzen Jahrhunderts, in Frank
reich statt jeder Zunahme der Bevölkerung sogar positiv eine Vermin
derung derselben eintrat ; wenn sie im ersten der beiden genannten
Jahre um 69,318, im zweiten wieder um 37,274 herabsank.
Es war ebensowenig ein bloses Ungefähr, wenn in Preussen die
Zahl der Geburten von 675,465 im J. 1851 auf 617,017 im J. 1855
sich verringerte, und wenn daneben, in der nemlichen Zeit, auch noch
die Menge der Sterbfälle von 443,838 auf 550,460 sich vermehrte.
Es wird für alle Zeiten eine furchtbare Anklage des Waltens der
Reaction in Deutschland nach dem Jahre 1848 sein, wenn man auf
die Ergebnisse der Volkszählungen blickt, und durch sie eine positive
Verminderung der Einwohnerzahl in einer ganzen Reihe von Ländern
constatirt findet ; — einen Menschenverlu st, •
in der bayer. Rheinpfalz von 1849—55 2J,ÜJ6 Personen,
;WüntemberK . . . . jS4»-55 74.8,5 -
Es ist dies ein Verlust, der im Verhältniss zur Gesammtzahl der Ein
wohner am grössten erscheint in der bayer. Rhein-Pfalz, in Kurhessen,
Baden und Württemberg.
Eine Abnahme der Bevölkerung beweist, aller Schmeichelei spot
tend, dass nicht (wie die Reaction ankündigte) eine Verbesserung, son
dern eine Verschlimmerung der Zustände stattgefunden ; dass also die
Veränderungen nicht zum Guten, sondern zum Schlimmen geführt haben.
Hier muss übrigens, um Missdeutungen zu begegnen, noch eine
Bemerkung eingeschaltet werden. Die Wohlfahrt, Kraft und Be eutung
einer Nation lässt sich nicht unbedingt blos nach der Volksmenge be
messen. Hier wirken allerdings auch noch andere Umstände ein, und
kommen noch andere Dinge in Betracht, als die Erlangung der unbe
dingt erforderlichen Nahrungsmittel. Ausser den Bedingungen zu deren
Erwerb muss sich ein Volk im Besitz seiner natürlichen hreiheits-
r echte befinden. Darauf beruht die menschliche Würde und das
Bewusstsein dieser Würde, ohne welche alle edlen Befähigungen unseres
Geschlechts verkümmern. Auch dies lehrt die Statistik, indem sie bei
allen Erscheinungen des socialen Lebens die Ursachen und Folgen