Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 243 
So ist der Arbeiter durch die Beschränkung des Eigentums auf einige 
Individuen dazu gezwungen, dem Eigentümer einen Teil der Früchte 
seiner Arbeit zu überlassen. Eine derartige Verpflichtung ist aber 
weiter nichts, als eine Ausbeutung des Menschen durch den 
Menschen 1 ). Diese Ausbeutung ist um so verwerflicher, weil sie, 
wie die feudalen Privilegien selbst, sowohl für die Ausgebeuteten 
wie für die Ausbeuter auf Grund des Erbrechtes zu einer ständigen 
Einrichtung geworden ist. 
Wenn man den Saint-Simonisten entgegenhielte, daß Eigentümer 
und Kapitalisten nicht notwendigerweise Müßiggänger seien, daß in 
Wirklichkeit viele davon arbeiten, um ihr Einkommen zu erhöhen, 
so würden sie antworten, daß es sich hierum gar nicht handele. 
Selbstverständlich mag ein Teil ihres Einkommens von ihrer persön 
lichen Arbeit herrühren, aber das, was sie in ihrer Eigenschaft 
als Kapitalisten erheben, kann doch nur von der Arbeit anderer 
geschaffen werden. Hierin liegt die Ausbeutung! 
Nicht zum erstenmal stoßen wir in unserer Geschichte auf dieses 
Wort. Wie man sich entsinnen wird, hat es schon Sismondi an 
gewandt 2 ). Später sehen wir es unter der Feder Kael Maex’ und 
anderer Schriftsteller wieder auftauchen. Aber weder Sismondi, noch 
die Saint-Simonisten, noch Kael Maex gebrauchen es in demselben 
Sinne. Es scheint uns daher nützlich, schon jetzt die verschiedenen 
Bedeutungen, die diesem Ausdruck beigelegt werden, auseinander zu 
halten, da er eine so bedeutende Eolle in der sozialistischen Literatur 
spielt und zu so viel Verwirrung Anlaß gegeben hat. 
Wie wir wissen, betrachtet Sismondi das Einkommen aus dem 
Eigentum als gerechtfertigt. Er gibt jedoch zu, daß ein Arbeiter 
ausgebeutet werden kann. 
Wann geschieht dies nun? 
Sobald sein Lohn kaum genügt, um ihn am Leben zu erhalten, 
im Gegensatz zu dem Überfluß, in dem sein Arbeitgeber lebt, — so 
bald sein Lohn nicht die Höhe erreicht, die Sismondi als gerechten 
Lohn des Arbeiters ansieht. Die Ausbeutung ist daher ein Miß 
brauch, nicht ein organischer Fehler, der in der Natur 
unseres wirtschaftlichen Systems begründet wäre. Er tritt „manch 
mal“ ein; aber er ist nicht notwendig. Man kann ihn verbessern, 
°hne deshalb das ganze System zu zerstören. In diesem allgemeinen 
u nd etwas unbestimmten Sinne, — der anscheinend auf der Schwierig 
keit beruht, den „gerechten Preis“ genau zu bestimmen, — tritt die 
') Ebenda, S. 93. 
2 ) Siehe oben, S. 208—209. Sismondi hatte mehr von Beraubung (spoliation) 
gesprochen. 
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