90 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie.
„Brod oder Blei" — diese inhaltsschweren Worte, wie
„oft werden sic noch ertönen? — Wer könnte das voraus-
„ verkünden? —
„Aber wie ein Alp liegt es jetzt nach fünfundzwanzig
„Jahren auf der Menschheit. — Ja, noch immer kein
„Brod! Noch immer kein Brod!
„Noch immer lastet das eherne Lohngesetz auf dem
„arbeitenden Bolle, welches trotz alles krampfhaften Ringens
„chm nur die kärgste Lebensnothdurft läßt und von Zeit zu
„Zeit die Geißel des Hungertyphus mit wuchtigen! Schwünge
„auf den Rücken des gefesselten Riesen fallen läßt."
Also noch immer kein Brod! für ..das arbeitende Boll"
zu einer Zeit, da die Geschäfte noch nicht stockten, reichliche
Arbeit vorhanden und der Lohn reichlich bemessen war! Es
gehört die ganze Schamlosigkeit einer social-demokratischen
Agitation dazu, von „nahrungsloser Lohnarbeit" zu reden,
zu Zeiten eines flotten Geschäftsgangs über Brodmangel
beim arbeitenden Volk ein Jammerlied anzustimmen. Oder
faßt vielleicht die Social-Demokratie den Begriff „Brod"
weiter als wir? Wir sind der Meinung, wenn der Mensch
alles das hat, oder durch seine Arbeit erwerben kann,
„was zur Leibes-Nahrung und Nothdurft gehört", dann
fehlt es ihm auch nicht an „Brod". Gehören aber nach social
demokratischen Anschauungen etwa „Austern und Champag
ner" auch noch zum Begriff „Brod", dann ist die Klage
„sein Brod für das arbeitende Bolt" freilich keine Ueber
treibung; dann verwandelt sich die Beschuldigung einer
Uebertreibung in die Anklage einer unverantwortlichen Ver
sündigung am „arbeitenden Bolt" welche diesem Tantalus
qualen bereitet durch die Forderung und Heranziehung von
„Genüssen" in das Bereich der „Lebensnothdurft", oder
eines „menschenwürdigen Daseins", welche die Begierden