170 VII. Die Religion und die Zoc.-Demokratie.
setz des rein logischen Denkens im Kurs steigen muß. Lo
erleben wir das eigenthümliche, unsere Zeit charakterisirende
Schauspiel, daß viele von denen an der Ausbreitung des
Socialismus, freilich unwissentlich, arbeiten, die denselben am
liebsten lieber heute als morgen mit Stumpf und Stiel
ausrotten möchten. Die am lautesten die öffentliche Gewalt
gegen ihn anrufen, daß sie den groß gewordenen Baum mit
einem Schlag fällen möge, wollen nicht zugeben, daß die Ka
näle zugeworfen werden, welche den Baumwurzeln die beste
Nahrung zuführen. Müll weist beim Versuch, das Auf
treten und Anwachsen des Socialismus zu erklären, zuerst
itnd zumeist auf die wirthschaftlichen Nothstände hin. Ganz
gut. Aber das Streben, die llebelstände im Gefolge unse
rer modernen Industrie zu beseitigen, hätte sich nimmermehr
auf socialistische Bahnen verirren können, wenn nicht unsere
Zeit zu jenen Nothständen wirthschaftticher Natur den tiefen
religiösen Schaden gesellte, daß Bielen die Gottesleugnung
menschenwürdiger zu sein scheint, wie der Gotlesglaube. Bor
dem Forum und nach den natürlichen Konsequenzen des
Atheismus ist unsere ganze heutige Jndustriesorm ein Noth
stand, weil gerade sie die Ungleichheit des Besitzes und Ge-
nusies erhält und immer wieder neu erzeugt. An dieser
Ungleichheit muß aber der Atheist, der dem Menschen Zweck
und Ziel seines Daseins ausschließlich ins Diesseits verlegt,
Anstoß nehmen, solange er noch Alles, was Menschenantlitz
trägt, gleichwägt. Das was dem Menschen als höchste Be-
stimmung gesetzt ist, muß auch allen Menschen erreichbar
sein. Die religiöse Lebensanschauung steckt allen Menschen
ein gleiches Lebensziel und läßt auch Jeden ohne Ausnahme,
der überhaupt nur darnach trachtet, das gleiche Ziel voll
und ganz erreichen. Ter Atheist, der nur den irdischen Ge
nuß als menschliche Lebensbcstimmung kennt, kann und darf