Full text: Die Social-Demokratie

172 VII. Die Religion und die Soc -Demokratie. 
verlassen darf, wenn es zu gesunder Entwickelung und zu 
gesichertem Bestände gelangen soll. So wenig die Natur 
gesetze von einem Menschen ungestraft übertreten werden 
können, so wenig darf das sociale Leben, wenn es sich nicht 
selbst untergraben will, die ewigen Gottesordnimgen bei Seite 
schieben. Tic Gottesordnimgen sind die Naturgesetze für dac- 
sociale Leben. 
Die Social-Demotraue durchschaut den inneren Zusam 
menhang der Religion mit der von ihr gehaßten und ange 
scindeteli bestehenden socialen Ordnung klarer und richtiger 
wie viele ihrer Gegner. Ihr Agitator I. Motteler spricht 
es ja deutlich aus, (Bolksstaat 1874, 58) daß er als So 
cialist „die socialen, religiösen und politischen Fragen als 
untrennbar" behandeln müsse. Die Beachtung, welche die 
Religion Seitens der Social-Demokratie ersährt, ist nicht 
ans Rechnung der in religiösen Fragen lies erregten und 
bewegten Gegenwart zu schreiben, sondern es ist ihr Kampf 
gegen die Religion eine ganz naturgemäße Leben-äußerung, 
die auch hervortreten würde und iliüßte, selbst wenn ini 
religiösen Leben unseres Voltes die tiefste Windstille herrschte. 
In den religiösen Kämpfen der Gegenwart ergreift die So- 
cial-Demokratie keine Partei. Der Sieg der Einen oder der 
Anderen ist ihr völlig gleichgültig. Der Kampf überhaupt 
hat nur insofern ein Interesse für sie, als sie hoffen darf, 
daß es recht viele Todte gibt, die, weil mit der Religion 
völlig zerfallen, und in ihrem religiösen Leben ganz und gar 
bankerott, auch die Widerstandskraft verloren haben, und mit 
der Zeit ihre Bundesgenossen werden müssen. Die Gegen 
wart liefert uns ja Beispiele genug, daß Männer, die ihr 
ganzes religiöses Hab und Gut über Bord geworfen haben, 
wiewohl sie riicht zlim eigentlichen Proletariat zählen, doch 
zur Partei der Social - Demokratie hinübcrtreten. Wir sin-
	        
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