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II. Buch. Der Güteraustausch.
daß ein jeder ein besonderes Gewerbe ergreift nnd seine sonstigen Lebens
bedürfnisse einkauft.
2. Es besteht aber auch ein Güteraustausch zwischen verschiedenen Orten
und dieser erklärt sich aus der folgenden Thatsache.
An einem jeden Orte können nicht sämtliche Güter producirt werden.
Viele lassen sich an gewissen Orten gar nicht, an andern nur mit großen
Kosten und Opfern erzeugen. So ist es unmöglich, in Deutschland Zucker
rohr oder Kaffeebäume anzubauen, und der im vorigen Jahrhundert von
König Friedrich II. angestellte Versuch, die Maulbeerbäume und die Seiden
raupenzucht im preußischen Staate einzubürgern, mußte als zu schwierig und
kostspielig aufgegeben werden. Oftmals werden aber gewisse Güter gerade
an den Orten benöthigt, wo sie nicht producirt werden können, z. B. Eis
in Tropenländern, die Felle wilder Thiere in großen Städten und Salz
zum Gebrauche von Menschen und Vieh in Gegenden, die vom Meere ent
fernt liegen und der Salzbergwerke entbehren. Bisweilen geschieht es auch,
daß Güter gewisser Art, welche in dieser oder jener Gegend ohne besondere
Schwierigkeiten hervorgebracht werden könnten, in die betreffenden Länder von
auswärts eingeführt werden, weil sie auf diesem Wege billiger zu stehen
kommen. So wird in England und in manchen Theilen von Italien Weizen
eingeführt, nicht weil er in diesen Gebieten nicht wachsen würde, sondern weil
es vortheilhafter erscheint, den Boden zur Cultur anderer Gewächse zu ver
wenden, da man den Weizen billiger aus Rußland, Indien oder Amerika
beziehen kann.
3. Eine weitere Ursache des Güterunllaufs ist in den Vortheilen z"
suchen, welche sich aus der Centralisation gewiffer Industrien lind namentlich
gewisser aufeinander angewiesener Industrien an einem Orte oder in einer
Gegend ergeben. Von dieser Thatsache haben wir bereits zu Anfang des
6. Kapitels des I. Buches gehandelt.
4. Ebenso ist im zweiten Theile des nämlichen Kapitels darauf hin
gewiesen worden, welche Vortheile mi§ der Production im großen sich ergeben-
Die Massenproduktion hat dann selbstverständlich den Export der Mehrheit
der Erzeugnisse nach andern Orten und den Betrieb von Handelsgeschäften,
durch welchen sich derselbe vollzieht, zur unausbleiblichen Folge.
5. Ein fünfter Grund ist in der Bildung größerer und großer Ve-
völkerungscentren, namentlich großer Städte, zu suchen, wovon gleichfalls iw
6. Kapitel schon gehandelt worden ist. Die Bewohner solcher Centren muffen
mit vielen zum Leben nothwendigen Gegenständen von auswärts versorgt
werden, und so entwickelt sich denn zu diesem Behufe ein regelmäßiger, be
trächtlicher Handel. Die Existenz von Städten und die Blüthe des Handels
gehen Hand in Hand. Wo nur wenige und kleine Städte vorhanden sind,