206 Vili. Socialistische Zukunftsbilder.
So schreibt der „Volksstaat" (1873, 11) bei Besprechung
eines fremdländischen Zeitungsartikels, der behauptet, daß es
„nach amtlicher Statistik" in Berlin 25 Procent mehr un
eheliche Kinder gebe als in Paris:
„Das einzige nicht Stichhaltige in dem Artikel der
„Contemporary Review sind die Bemerkungen über die
„unehelichen Geburten. Tie unehelichen Geburten gelten nur
„noch dem Pfaffen für Barometer der „Sittlichkeit." In
„den großen Städten, wo die Prostitution auf's Höchste
„entwickelt, sind uneheliche Geburten notorisch weniger häufig,
„als in vielen idyllischen Landstrichen, wo die Bevölkerung
„sich weder durch die Eheschließung erschwerenden Gesetze,
„noch durch die Behauptung der Geistlichen, ohne den Segen
„der Kirche könnten Mann und Frau keine Familie gründen,
„daran hindern läßt, die ewigen Gebote der Natur über
„die beschränkten Gebote der Menschen zu setzen."
Ein Mißverständnis; dieser Sätze ist nicht möglich. Sie
legitimiren das die menschlichen Gesetze wie die göttlichen
Gebote mißachtende außereheliche Zusammenleben beider Ge
schlechter. Im „N. Soc.-Demokrat" (1874, 62) begegnen
wir sogar der sonderbaren, eine gewisse Vorliebe für die
illegitime Ehe verrathenden Behauptung, „daß die Kinder der
Liebe aufgeweckter seien, als die Kinder legitimer Ehen."
Damit ist unseres Erachtens gerade genug gesagt, um die
von der Social-Demokratie beliebte Beschränkung des Unzuchts
begriffs zu erkennen. Dagegen erstreckt sich die Abneigung
wider alle bestehende Ordnung bis zu einer Verurtheilung
unserer modernen Ehe, welche der Socialismus als Prosti
tution zu brandmarken wagt. Aus Veranlassung der Ver
handlungen im deutschen Reichstag über die Einführung der
Civilehe schreibt der „N. Soc.-Demokrat" (1874, 38):
„Die Schließung der Ehe durch die Ceremonie eines