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MIL Socialistische Zukunftsbilder.
„mer weiler. In der Bourgeoisgesellschaft ist die Arbeiter-
„ehe in ihrer Hauptsache, nämlich dem Familienleben und
„der Erziehung, durch Frauen- und Kinderarbeit zerstört
„und zur bloßen Förmlichkeit gemacht; dagegen ist die Ehe
„der Besitzenden in Wirklichkeit zu einer kontraktlichen Ber-
„einigung des Kapitals der beiden eheschließenden Personen
„geworden: das Ideal tritt in den Hintergrund, und der
„materielle Schacher ist der ausschlaggebende; zwischen der
„modernen Ehe und der Prostitution gibt es somit keinen
„idealen, sondern nur einen juristischen Unterschied."
Schamloser lautet das Urtheil des „Bolksstaat." Ju
einem Artikel „über Fralienenianzipation lind Kindererziehung"
(1873, 20) läßt derselbe eine „Parteigenossin" also schreiben:
„Jede Fran, die, unsähig oder unberechtigt ans die Krast
„der eigenen Arbeit gestützt, sich eine selbstständige Existenz
„und sociale Stellung zu schassen, deli sinnlichen Reiz ihrer
„Erscheinung als Subsistenzmittel verwerthet, prostituirt sich;
„denn sie verkauft ihr eigenstes Ich, die Würde ihrer Pcrsön-
„lichkeit, das unveräußerliche Recht individueller Freiheit,
„Alles, was des Lebens werth ist, um des Lebens Preis.
„Wo und wie dieser Menschenhandel abgeschlossen wird, ob
„auf Grund eitles vortheilhasten Ehekontrakts voll Pfaffen,
„Bürgermeistern und Stadträtheli, ob in einem der „dunkeln"
„Häuser der Vorstadt, darin Laster und Elend sich die Hand
„reichen, um je nach Angebot uild Rachsrage den Marktpreis
„jedes Tages zu bestiimnen, bleibt für dessen ilroralische Bc-
„urtheilung oder besser noch Verurtheilung natürlich voll-
„kommen gleichgültig. Ein Mädchen, das in Rücksicht einer
„gesicherten Existeliz oder angenehmen Lebensstellung sich
„einem reichen ungeliebten Manne vermählt, thut ganz das-
„selbe, was jede andere beliebige Dirne, die an irgend einer
„Straßenecke auf die Vorübergehenden lauert."