Full text: Die Social-Demokratie

212 Vili. Socialistische Zukunftsbilder. 
sittlich zu sein. Die S ocial-Demotratie will eine vollständige 
Gesetzlosigkeit der geschlechtlichen Beziehungen. Sie stellt die 
Beseitigung jeder rechtlichen Formalität sowohl beim Eheschluß, 
wie bei der Ehescheidung in Aussicht. Sie nennt jede nicht 
erzwungene Bereinigung von Mann und Weib eine Ehe, 
die so oft wechseln kann, als die Zuneigung wechselt. Eine 
solche Form der geschlechtlichen Beziehungen Ehe zu nennen, 
ist ebenso widersinnig, wie wenn man das gleichzeitige Geschrei 
der Katzen und das Bellen der Hunde eine Symphonie 
tituliren wollte. Darnach beurtheile man, wie weit die 
Social-Deniokratie zu der sittlichen Entrüstung über die ihr 
vorgeworfene Weibergemeinschast berechtigt ist. Wenn allein 
die gegenseitige Zuneigung ohne Erfüllung irgend einer recht 
lichen Forderung die Ehe bedingen soll, so ist hiermit die 
Weibergemeinschaft nichts weniger als ausgeschlossen, sie ist 
vielmebr eme ganz natürliche Frage, sobald, was nicht un 
denkbar ist, die Zuneigung gleichzeitig sich ans mehrere erstreckt, 
oder auch. was gleichfalls nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, 
von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche wechselt. Die 
Einehe ist keine unbedingte Folge des socialistischen Ehebcgriffs, 
und es ist Grund genug vorhanden, zu behaupten, „daß alle 
konsequenteren Socialisten der Weibergemeinschast so nahe 
stehen, wie der Gütergemeinschaft."*) 
Die den Eltern abgenommene und der Gesammtheit zur 
Pflicht genlachte Erziehung und Erhaltung der Kinder löst 
die Familie auf. Bei der im socialistischen Staat völlig 
durchgeführten Emancipation der Frauen leben die Geschlechter 
nur um der Fortpflanzung willen zusammen, ohne hierbei 
weder vorher noch nachher an irgend eine Ordnung gebunden 
*) W. Roscher, Die Grundlagen der Nationalökonomie. 
IX. Auslage § 58.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.