Full text: Die Social-Demokratie

218 Vili. Socialistische Zukunftsbilder 
„kann, seine Pflicht thut, dann wird es nicht mehr lange 
„dauern, so werden unsere Bataillone marschiren, und das 
„Himmelreich auf Erden wird nahe herbeigekommen sein." 
(N. Soc.-Demokrat 1871, 62 vgl. Volksstaat 1873, 75.) 
Wenn die Social-Demokratie ihre Zukunftsbilder zeichnet, 
dann schwingt sie sich auf zu einer Art religiöser Begeisterung 
und redet auch gerne in Ausdrücken, die sonst nur für die 
Wahrheiten und Hoffnungen des religiösen Glaubens gebraucht 
zu werden pflegen. Der Socialismus wird zur Religion, 
der seine Lehre als „Evangelium der Neuzeit" (N. Social- 
Demokrat 1871, 62) verkündigt, und von seinen Bekennern 
den Glauben an seine seligmachende Kraft fordert. In einer 
zu Hannover gehaltenen öffentlichen Versammlung rief Tölcke 
aus: „Es ist in feinem andern Heil, und in keinem andern 
„Glauben wird man selig, alS in dem Allgemeinen Deutschen 
„Arbeiter-Verein." lVolksstaat 1872, 25. Beilage.) 
Es gehören keine besonders scharfe Augen dazu, um 
hinter all den glänzenden Versprechungen, welche der Social- 
Dcmokratic eigen sind, den agitatorischen Zweck zu erkennen. 
Zu der durch allerhand Mittel gesteigerten Unzufriedenheit mit 
der Gegenwart soll sich die Sehnsucht nach der von der 
Social-Demokratie verheißenen glücklichen Zukunft gesellen, 
um durch ein doppeltes Baud die geblendeten Massen an 
die „rothe Fahne" zu fesseln. Es ist gewiß das gelindeste 
Urtheil, die socialistischen Hoffnungen, mögen sie wirklich ge 
glaubt oder nur vorgespiegelt werden, als Utopie zu bezeich 
nen. Sie sind keine gleichgültigen Träumereien, da sie zu 
Agitationszwecken verwendet, kein Glück schaffen, wohl aber 
Schaden anrichten. Der Arbeiter, welcher durch die Ueber 
treibung der Nothstände seine Erbitterung steigern und durch 
die in Aussicht gestellte „größtmögliche irdische Glückseligkeit" 
sein Herz trunken machen läßt, ist seinem wahren Wohler-
	        
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