Full text : Die Social-Demokratie

38  H.  Das  Deutsche  Reich  u.  die  Social-Demokratie.
Selbst  die  erhabene  Person  des  Deutschen  Kaisers,  dem
die  Herzen  des  deutschen  Volkes  in  warmer  Liebe  entgegenschlagen,
  den  der  „Volksstaat"  daher  den  „Nationalgott"
(1872,  53)  nennt,  bleibt  nicht  unangetastet.  Als  es  sich
um  den  Einschluß  des  Kaisers  in  das  Sonntagsgebet  in  den
Kirchen  des  Königreichs  Sachsen  handelte,  schrieb  der  „Volksstaat"
  (1871,  80):
„Wir  schlagen  als  Muster  das  nachfolgende  Kirchengebet
„vor,  welches  der  Württembergische  Prälat  Osiander  zu  Ende
„des  17.  Jahrhunderts  zu  halten  pflegte  (?):  „Lieber
„himmlischer  Vater!  Unser  theuerster  Landesvater  (müßte
„natürlich  in  Kaiser  umgewandelt  werden)  ist  auch  ein  Mensch
„wie  wir,  und  könnte  es  daher  manchmal  vergcsien;  uns
„aber  ist  sehr  daran  gelegen,  daß  er  cs  nie  vergeste,  darum
„erinnere  ihn  durch  Deinen  heiligen  Geist  oft  an  Tod  und
„Sterben.  Sag'  ihm  oft  selbst,  daß  es  ihm  zuletzt  um
„kein  Haar  besser  gehe  als  uns,  seinen  Unter-„thanen,
  und  daß  an  seinem  Schädel  einmal
„eben  so  viel  Insekten  nagen  werden,  als  an
„dem  uns  rigen.  Sag'  ihm  aber  auch,  daß  er,  wenn  er
„gleich  alsdann  nicht  mehr  Fürst  sein  wird,  dennoch  fortleben
„und  den  Lohn  empfangen  werde,  dessen  seine
„Fürstenthaten  werth  sind.  So  wird  er  über  uns
„gewiß  weise  und  gütig  regieren,  uns  hören,  wenn  wir  leiden,
„uns  nicht  mit  unerschwinglichen  Abgaben
„drücken,  und  unsere  Söhne  nicht  ohne  Noth
„auf's  Schlachtfeld  führen,  sondern  uns  überall  so
„behandeln,  wie  Du  lieber  himmlischer  Vater  willst,  daß  er
„uns  behandeln  soll.  Wir  möchten  gar  zu  gern,  daß  wir
„ihn  nicht  blos  hier,  und  zwar  aus  Furcht  nur,  ehren
„müßten,  sondern  daß  wir  ihn  auch  dort  noch  einmal  aus
„freiem  Herzenstrieb  ehren  und  lieben  könnten,  wo  er  uns
            
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