IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse 147
Städte zum Reich und zu den eben damals hochkommenden dynastischen
Partikulargewalten. Seit den Tagen Friedrichs II. war manches Mal in den
Städten mit Bedauern und Sorge das Fehlen eines engeren Bandes zwischen
dem König und den Städten berührt worden. Noch 1344 auf dem Frank-
furter Reichstag hatte ein Vertreter der Städte Ludwig dem Bayern erklärt:
die Städte können sich nicht behaupten ohne das Reich; die Gefährdung
des Reiches bedeutet der Städte Untergang. Gebessert hatte sich nach dieser
Richtung unter Karl IV. jedenfalls nichts. Im Gegenteil. Der glanzvolle
Besuch Karls IV. in Lübeck im Jahre 1375 darf darüber nicht hinweg-
‘3uschen. Hatte doch Karl IV. im Kriege der Städte gegen Waldemar gegen
Ende des Kampfes Waldemar zum mindesten moralisch unterstützt. Oben-
drein war ein Hauptzweck des kaiserlichen Zuges nach dem Norden eine
Zusammenkunft: mit Waldemar IV. selbst, die nur durch die Nachricht
seiner tödlichen Erkrankung nicht zur Ausführung kam?®). Dazu kam noch
ein anderes. Noch während des Aufenthalts in Lübeck stellte sich der Kaiser
in dem Zwist des aufstrebenden Hamburgs mit dem Grafen von Holstein
auf die Seite des Grafen. Und ebenso trafen des Kaisers und der Städte
Interessen in der eben damals brennend werdenden dänischen Nachfolge-
frage durchaus nicht zusammen. Denn die von Karl IV. begünstigte mecklen-
burgische Kandidatur war für die Hansen nicht nur deshalb sehr bedenklich,
weil hier eine gefährliche Koalition: Mecklenburg-Schweden-Dänemark und
womöglich gar noch Holstein auftauchte, sondern zweifellos auch wegen des
Anschlusses des städtefeindlichen Territorialfürstentums*®).
Und hier lagen in der Tat damals ernste Sorgen vor. Bis weit ins 14. Jahr-
hundert hinein hatten die Städte den Dynasten gegenüber ein verhältnis-
mäßig leichtes Spiel gehabt. Geschlossene Territorien oder gar eine die Städte
wirklich unterordnende Territorialpolitik gab es noch nicht. Statt dessen
hatte die Finanznot der Dynasten den Städten die Möglichkeit gegeben,
hren Besitz an Hoheitsrechten auf dem Wege des Kaufes auszubauen. Das
wurde aber damals anders; wenigstens ließ auch hier ein erstes Wetterleuch-
ten erkennen, daß die Dynasten jetzt immer mehr wirklich auch Landes-
herrn, d. h. Herren eines räumlich geschlossenen Territoriums zu werden
strebten. Darüber mußten sie aber notwendigerweise mit den bis dahin so gut
wie selbständigen Städten in Konflikt geraten. Das 15. und 16. Jahrhundert
haben dann diesen Konflikt zum Verhängnis namentlich der innerdeutschen
Hansestädte auch ausreifen sehen.
Man ist im allgemeinen geneigt, die Landesherrlichkeit des Deutschen
Ordens als besonders früh und stark entwickelt anzusehen. Und doch stehen
selbst hier im Ausgang des 14. Jahrhunderts der Orden und seine Städte im
wesentlichen als gleichwertige Faktoren in einer Art Bundesgenossenver-
hältnis einander gegenüber; noch war es auch hier selbstverständlich, daß die
Städte an sich eigene Außenpolitik trieben, vor allem wirtschaftspolitisch
10*