fullscreen: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die Physiokraten. 
Infolgedessen nennen sie die Fabrikanten eine unproduktive 
— sterile — Klasse. Mit dieser Bezeichnung haben sie aber durch 
aus keine Mißachtung der Fabrikanten oder Kaufleute ausdrücken 
wollen. „Weit entfernt, unnütz zu sein, sind diese Beschäftigungen 
der Eeiz und die Stütze des Lebens, die Erhaltung und das Glück 
des Menschengeschlechtes“ 1 ). — 
Sie sind nur unproduktiv in dem Sinne, daß sie keine neuen 
„Eeichtümer“ erzeugen. 
Hält man ihnen entgegen, daß die Fabrikanten und Kaufleute 
viel und sogar viel mehr als die Landwirte verdienen, so erwidern 
die Physiokraten: Das hat nichts zu sagen! Diesen Gewinn „er 
zeugen“ die Arbeiter nicht, sie „gewinnen“ 2 ) ihn; es handelt sich 
dabei lediglich um Eeichtümer, die von anderen auf sie übertragen 
werden. Von wem nun? Ausgerechnet von den Landwirten! Sie 
liefern ihnen nicht nur alle Eohstotfe für ihre Erzeugnisse, sondern 
auch selbstverständlich alles, was sie in irgendeiner Form verbrauchen. 
Die Arbeiter sind die Bedienten oder, wie Tuegot sie nennt, die 
Stipendienempfänger der landwirtschaftlichen Klasse 3 ). Die Land 
wirte können zur Not sich selbst genügen und so den ganzen Eein- 
ertrag für sich behalten. Da sie aber ihren Vorteil dabei finden, 
gleich ist.“ (Merciek de la KivShe II, S. 698). „Die Industrie überdeckt, Schicht 
um Schicht, einen Wert mit weiteren Werten, aber sie schafft keinen, der nicht 
schon vorher bestanden hätte“ (Derselbe). 
1 ) Baddeau, Ephem., 1770, IX. Man kann sogar finden, daß die Kaufleute 
etwas weit gehen, wenn sie sagen: „Warum achtet man nicht, gleiche Verhältnisse 
vorausgesetzt, den, der verkauft, ebenso wie den, der gibt? Der Bedarf gibt 
dem Handel, wie der Wohltätigkeit ihre Bedeutung“ (Du marchand de grains, 
— über den Getreidehändler, — Journal de l’Agriculture, du Commerce et des 
Tinanoes, Dezember, 1773, von Curmond, 1900 in einer Dissertation über den Getreide 
kandel angeführt). Man muß betonen, daß, „unproduktiv“ oder „steril“ in der 
Sprache der Physiokraten keineswegs „unnütz“ bedeutet. Sie waren genügend 
intelligent, um zu verstehen, daß die Arbeit des Webers, der aus dem Flachs, Leine 
wand, aus der Wolle, Tuch macht, ebenso nützlich wie die des Landwirts ist, der 
diesen Plachs und diese Wolle produziert, oder vielmehr, daß seine Arbeit ohne die 
Arbeit jenes ganz unnütz wäre. Und sie wußten ebenso gut, daß, wenn man sagen 
kann die Arbeit des Landwirtes sei nützlicher, als die Arbeit des Webers oder 
des Maurers, wenn der Boden zur Erzeugung von Brot benutzt wird, man das doch 
Eicht mit gleichem Nachdruck behaupten kann, wenn er dazu benutzt wird, Rosen 
oder Maulbeerblätter für die Seidenfabrikation zu erzeugen. 
2 ) Le Trosne, S. 946. 
3 ) Eine unter der Feder Turgot’s um so bemerkenswertere Bezeichnung, da er, 
wie wir weiter unten sehen werden, weniger ausschließlich für die Landwirtschaft 
eingenommen und der Industrie günstiger gesinnt war, als die Physiokraten. 
„Es erschien notwendig, einfach und natürlich, die zahlenden Menschen, die 
ihre Güter unmittelbar der Natur verdanken, von den bezahlten Menschen zu unter 
scheiden, die Güter nur als Entlohnung für nützliche oder angenehme Dienste, die 
Sle den ersteren leisten, erhalten können“ (Dupont I, S. 142).
	        
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