Full text: Gesellschaftslehre

448 Die_wichtigsten historischen Formen der Gruppe. 
Verhältnis einseitigen Gebens und Nehmens auf dem äußeren Gebiet, 
bei dem die Gegenleistung der Kinder im Innern liegt, nämlich in der 
dankbaren Resonanz, die sie für die Betätigung des Pflegetriebes und 
des Instinkts des Selbstbewußtseins bieten. — Auch das Verhalten beim 
Tode eines Angehörigen entspricht ganz dem besonderen Charakter der 
heutigen Familie: die Trauer gilt nicht mehr dem Verlust eines Genos- 
sen, durch den die Kraft der Gruppe einen Abbruch erfährt ($ 31,,), son- 
dern der Persönlichkeit des Verstorbenen. — Ebenso spiegelt sich in der 
modernen Art der Eheschließung der Wandel der Verhältnisse: die Fami- 
lie hat viel weniger öffentlichen, hat mehr rein privaten Charakter. an- 
genommen; sowie sie tatsächlich aus einer Verbindung zweier 'Sippen 
eine solche zweier Individuen geworden ist und sich insoweit dem rein 
persönlichen Gebilde der Freundschaft — man möchte fast sagen: in 
bedenklichem Grade — angenähert hat. In dieser ganzen Verschiebung 
bekundet sich freilich eine viel umfassendere Verschiebung unserer gan- 
zen Zustände in der Richtung auf ein Übermaß von Individualismus und 
damit auf eine Zersegung der Gesellschaft. 
Die Bedeutung dieser gewaltigen Verschiebung ist lange nicht genug gewürdigt. 
während sie sich in der Praxis durch allerlei Zersegungserscheinungen nachdrücklich 
genug bemerklich macht. Hierhin gehört die gesteigerte Neigung zur Ehescheidung. 
Kämen die Kinder nicht in Frage, so könnte man in der Tat angesichts der starken 
Verschiebung der Grundlagen ins Persönliche fragen, ob die Dauer überhaupt noch 
wesenhaft für die heutige Ehe ist. Weiter sei erinnert an die modernen Erziehungs- 
nöte: wie kann ein Kreis in der Jugend die dringend nötige Gemeinschaftsgesinnung 
erzeugen, in dem selber die Gemeinschaft so sehr geschrumpft ist? — Auch auf die Erb- 
schaftsverhältnisse sei hingewiesen: die unbedingte Pflicht, einen bestimmten Teil des 
Besiges den Kindern zu vererben und insbesondere sie dabei vor dem überlebenden 
Ehegatten zu bevorzugen, läßt sich nicht aufrecht erhalten, da zwischen Eltern und er- 
wachsenen Kindern jedenfalls keine Besiggemeinschaft besteht, wohl aber eine solche 
zwischen den Ehegatten vorhanden ist. Insbesondere ist zu berücksichtigen, daß der 
Schwerpunkt der Familie erheblich verschoben ist vom Verhältnis der Eltern zu den 
Kindern hin nach dem Verhältnis der Gatten untereinander, daß die moderne Familie 
ein im Wandel der Generationen beharrendes Objektivum überhaupt nicht mehr kennt. 
— Die heute vielfach verbreitete Neigung der Eltern endlich mit ihren Kindern fast 
eine Art Abgötterei zu treiben kann man als eine Gefühlsverwechslung auffassen: die 
Hingabe und Unterordnung, die früher der Familie als einem überpersönlichen Ge- 
bilde galt, hat jeößt ein rein persönliches Ziel gefunden — eine Verschiebung, mit deı 
die Berechtieung dieser Haltung biologisch wie ethisch in Frage gestellt ist. 
5. Von der Familie wenden wir uns zur Ehe, unter der legteren 
lediglich das Verhältnis der Ehegatten zu einander (unter Ausschluß 
von Kindern und Verwandten) verstanden, um auf das Irrige einer be- 
kannten Anschauung hinzuweisen. Die romantische Auffas- 
sung der Ehe erblickt das Wesen der Ehe in der Befriedigung der Ero- 
lik als einer sinnlich-geistigen Passion. Die Ehe hat für diese Auffassung
	        
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